Liebe deine Angst
Wenn man sich mal wieder richtig wohlfühlen will in seiner mittleren bundesdeutschen Durchschnittsexistenz, dann sind die neuen Stücke von Sibylle Berg ein schöner Anlass.
Zum Beispiel «Nur Nachts». So gegen vier Uhr morgens ist der körpereigene Serotoninspiegel zuverlässig an seinem tiefsten Punkt.
Wer das Pech hat, um diese Zeit aufzuwachen, kann sich auf eine nette halbe Stunde mit seinen schönsten Ängsten freuen: Von der allgemeinen Lebensangst über konkretere Versagens- und Verlustängste, wahlweise Bindungsangst, gerne auch Angst vor Einsamkeit bis hin zu einem breiten Spektrum speziellerer Existenzängste. Soweit der unspektakuläre Normalbereich, pathologischere Varianten und andere Angst-Exoten sind um diese Uhrzeit auch immer gerne willkommen. Damit die Angst auch wirklich spricht, gibt es in diesem Stück zwei Geister und einen Einsatzleiter, der die morgendlichen Panikattacken koordiniert und sich im Übrigen zu traditionellen abendländischen Normen bekennt: «Wir glauben an alte Werte, Größen wie Klassenzugehörigkeit, Gehorsam, Unzufriedenheit und Krebs.»
Um gar nicht erst dramaturgische Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Sympathie der Autorin – und daran muss man ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Im Gefolge der Nobelpreisverleihung an die rumäniendeutsche Autorin Herta Müller wurde auch über die Kopfgelder berichtet, mit denen die Bundesregierung über Jahrzehnte dem rumänischen Staat Bürger abkaufte – und half, die Ceaucescu-Diktatur aufrecht zu erhalten. Die rumänische Theatermacherin Gianina Cãrbunariu interviewt nun Siebenbürger Sachsen und Banater...
Welch eine Verheißung: «Sie müssen das, was Sie lieben, nicht mehr selber machen. Hier geht es» – denn was ist Gefühlsproduktion schließlich anderes als harte Wertschöpfungsmaloche – «um Arbeitserleichterung!» An die Formulierung derart revolutionärer Utopien hat sich das Theater mindestens seit Brecht nicht mehr gewagt!
Im Ernst: René Polleschs «interpassive»...
Kaum einer bürstet derzeit das gute alte wellmade play so ausdauernd und radikal gegen den Strich wie der britische Dramatiker Dennis Kelly. Von vorne nach hinten erzählen – gut und schön, aber warum nicht mal von hinten nach vorn wie in «Liebe und Geld»? Dokumentarische Techniken einbauen durch Interviews und Recherche – sicher, ein Klassiker der modernen...
