Liebe deine Angst
Wenn man sich mal wieder richtig wohlfühlen will in seiner mittleren bundesdeutschen Durchschnittsexistenz, dann sind die neuen Stücke von Sibylle Berg ein schöner Anlass.
Zum Beispiel «Nur Nachts». So gegen vier Uhr morgens ist der körpereigene Serotoninspiegel zuverlässig an seinem tiefsten Punkt.
Wer das Pech hat, um diese Zeit aufzuwachen, kann sich auf eine nette halbe Stunde mit seinen schönsten Ängsten freuen: Von der allgemeinen Lebensangst über konkretere Versagens- und Verlustängste, wahlweise Bindungsangst, gerne auch Angst vor Einsamkeit bis hin zu einem breiten Spektrum speziellerer Existenzängste. Soweit der unspektakuläre Normalbereich, pathologischere Varianten und andere Angst-Exoten sind um diese Uhrzeit auch immer gerne willkommen. Damit die Angst auch wirklich spricht, gibt es in diesem Stück zwei Geister und einen Einsatzleiter, der die morgendlichen Panikattacken koordiniert und sich im Übrigen zu traditionellen abendländischen Normen bekennt: «Wir glauben an alte Werte, Größen wie Klassenzugehörigkeit, Gehorsam, Unzufriedenheit und Krebs.»
Um gar nicht erst dramaturgische Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Sympathie der Autorin – und daran muss man ...
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