Brüssel spinnt
Nach der Papierform konnte man das noch für eine gute Idee halten: den Irrsinn der europäischen Partikularinteressen und Lobbyegoismen in einem Familienstück zu spiegeln, in dem sich Solidarität und Fürsorge und die eigenen Wünsche naturgemäß in die Quere kommen.
Drei Generationen-WG also. Opa, Tochter, Enkel ziehen in eine neue Wohnung, noch unmöbliert. Sohn Jakob ist gerade vom dritten Eliteinternat geflogen und soll sich jetzt um Opa kümmern, den die Demenz in die Märchenkassetten treibt.
Mutter Dora, Tierärztin, ist wochentags in Brüssel und kämpft für den Tierschutz in der Massentierhaltung, eine europäische Bürgerinitiative namens PRO VIEH e.V. – das sind die Wortspiele, die Kerstin Hensel liebt. Opa kämpft nur mit der vollautomatischen Kaffeemaschine, die auf Zuruf reagiert, und schneidet sich die Hosenbeine ab, weil ja überall gekürzt werden muss in diesem Europa. Jakobs Internatserfahrungen haben ihn gelehrt, dass Europa ein Fake ist, der sich längst in den Händen von Chinesen, Russen und Arabern befindet. Seine Abende verbringt er mit bizarren Spielchen im Selbstmörder-Club «Wald».
Als abstrakten Wald hat Timo von Kriegenstein die Bühne im Kasseler tif mit Holzstämmen ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Barbara Burckhardt
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...
Das Stück ist ein Monstrum. Eine Zumutung. Ein hanebüchener Alptraum mit kruden Setzungen und einer Überdosis Gewalt, Schmerz und Raserei. Ein Trip ins Nichts ohne Fluchtwege oder transzendente Abfederung – und doch erzeugt es auch 400 Jahre nach seiner Entstehung einen Sog, der Zuschauer wie Theatermacher magisch anzieht. Den Lear zu spielen, ist auch heute die...
Nein, man muss Dinge nicht selbst erlebt haben, um darüber zu schreiben. Nach allem, was man weiß, hat Shakespeare nie im Wald gelebt, Goethe hat kein Kind getötet, und Brecht war kein Gangster. Wieso also überhaupt einen Gedanken an die Frage verschwenden, ob eine 18-Jährige, die ein – vor allem auch sprachlich – höchst bemerkenswertes Stück über Kindsmissbrauch...
