Kunstwerke der Ich-Kooperation
Talentshows haben lange ein süßes Gift ins Unbewusste ihres Publikums geträufelt: Auch du kannst – und sollst, wenn du eine Frau bist – schlank, sexy, rein und begehrenswert sein, wenn du dich nur anstrengst.
Was, wenn jetzt eine Frau, einen Dolch im fauligen Gebiss, mit unreiner Haut, Augenklappe, schmuddeligem Rüschenhemd und «unten ohne», aber unrasiert, an der Volksbühne die Talentshow «Ophelia’s Got Talent» eröffnet – und sie zugleich im Piratenstyle kapert? Was, wenn Namenspatin Ophelia hier keine schöne Wasserleiche ist, sondern lauter quicklebendige Schülerinnen hervorbringt, die ihre Grenzen beim Apnoetauchen, Messerschlucken, Pole-Dance in schwindelnden Höhen, bei der Body-Suspension oder beim Masturbieren auf einem Helikopter erproben?
Dass Florentina Holzinger heftige Gegengifte zu gängigen Weiblichkeitsbildern brauen kann, hat sie schon oft unter Beweis gestellt, auch beim Theatertreffen. Doch mit ihrer maximalistischen Stunt-Show «Ophelia’s Got Talent» toppt sie ihre bisherige Arbeit, was Größe, Materialeinsatz und Vielfalt des Ensembles angeht. Dass dabei mehr als eine schiere Überbietungsshow entsteht, die mitunter auch ihre eigenen Ansprüche (Klimawandel, ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Best of, Seite 26
von Eva Behrendt
Statt in den Zuschauerraum wird das Publikum auf die Bühne des Depot 2 geleitet und betritt hier eine seltsame Welt. Sphärische Klänge vermischen sich mit maschinenartigem Summen und Geräuschen, die entfernt an Tierlaute erinnern. Eine weißgekleidete weibliche Schaufensterpuppe hängt waagerecht an einem Seil in der Luft wie ein bizarres Flugobjekt. Langsam wird sie...
Diebe der Zeit
Alexander Giesches Visual Poem zu Michael Endes «Momo» in Zürich
Je langsamer du gehst, desto schneller kommst du voran, sagt die Halbstundenprophetin Kassiopeia bei Michael Ende. In Zürich ist die Schildkröte ein ausgesprochen niedlicher Roboterhund, der sich nahtlos zwischen virtuellen Welten und dem Bühnenuniversum zu bewegen versteht, die...
Panzerfahrer, Flakartillerist, Kampfpilot, Scharfschütze. Kriegsberufe, kennen wir. Aber Scharfschützin? Gibt’s doch gar nicht?
Maria Iwanowna Morosowa steht stocksteif vor dem Fadenvorhang im Freiburger Kleinen Haus. Berichtet von ihrem ersten Deutschen. Erst hat sie mit ihrer «Jagd»-Partnerin gestritten, wer abdrücken soll. «Ich beobachte. Schieß du!» Die...
