Katerstimmung im Rheinland
Die Götter sind oben, die Menschen sind unten, und in der Tiefe der Erde, die Toten und die Verdammten, Olympos und Tartaros, Himmel und Hölle: Seit Jahrtausenden existiert diese vertikale Vorstellung der Welt. Ebenso alt wie dieser Mythos ist das Bild der Bestrafung. Der Sturz: Fall der Körper, aus verschiedener Höhe, versteht sich, aus der Macht, aus dem Leben, aus dem Himmelreich. Der Mensch stürzt, weil er gesündigt hat, Frevler heißt der Sünder in der griechischen Mythologie.
Aber gibt es da nicht noch die anderen, die Unschuldigen, Namenlosen, die auch stürzen oder gestürzt werden, Opfer menschlicher und unmenschlicher Gewalt?
«Welches Geschrei voll Missklang hebt sich in der Stadt?» Wo sind wir, und wer spricht da? «Ich glaub, Geschrei voll Missklang hebt sich in der Stadt», so spricht bei Aischylos Klytaimestra im ersten Teil der «Orestie» (übersetzt von Oskar Werner). Diese Tragödie
erzählt auch von Stürzen, vom Sturz des besiegten Troja und vom Sturz des Siegers Agamemnon, Herrscher von Argos, den nach seiner Rückkehr seine Frau Klytaimestra im Bad mit der Axt erschlagen wird. Klytaimestra spricht zum Stadtvolk, einem Chor alter Männer, die, zu schwach, um in den Krieg zu ...
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Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die neuen Stücke der Spielzeit, Seite 178
von Rita Thiele
Auf einem niedrigen Tisch liegt eine Plastikpuppe der Marke «Peggy Pickit», die als Geschenk für ein afrikanisches Kind gedacht ist. Außerdem eine aus Afrika stammende, kleine, handgeschnitzte Holzpuppe, die ein Kind der westlichen Welt bekommen soll. Die beiden Mädchen, für die sie gedacht sind, werden die Puppen wahrscheinlich nie bekommen. Das afrikanische...
Eigentlich hatte die Inszenierung bei mir im Vorfeld schon gewonnen! Der Wirtschafts- und Finanzcrash bringt ja zurzeit geballte Krisenfolklore über das Theater: Überall strampeln wackere, redliche «kleine Leute» in existenzieller Verzweiflung gegen skrupellose Zigarren-Kapitalisten und/oder Pokerface-Banker an, was naturgemäß den Vorteil hat, dass sich neunzig...
Es war einmal eine Epoche, die man heute als die Aufklärung bezeichnet. Die hatte, lange bevor ihre Ära endlich anbrach, literarische Wegbereiter. Das waren eben jene
Bösewichte Shakespeares, rücksichtslose Söhne und verderbte Töchter, die sich provokativ gegen Denkverbote auflehnten und so die herrschende Weltordnung nicht nur in Frage stellten, sondern kurzerhand...
