Inge Durieux
Wenn es an diesem Abend tatsächlich um «Tilla» gegangen wäre, nämlich um die große Schauspielerin Tilla Durieux, dürfte man durchaus erbost sein. Sie gehörte zur Schauspieleravantgarde des 20. Jahrhunderts, hat in den 20er Jahren Piscators Experimentier-Volksbühne mitfinanziert und musste mit ihrem dritten Mann, dem jüdischen Kaufmann Ludwig Katzenellenbogen, 1933 Nazi-Deutschland verlassen. Er starb im KZ, sie kehrte erst 1952 aus Zagreb zurück, wo sie sich als Kaninchenzüchterin und Schneiderin über Wasser gehalten hatte – und erlebte ein großes Comeback.
Christoph Heins in fahrigen Zeitsprüngen erzählter Diven-Monolog reduziert dieses Leben zu 90 Prozent auf Tillas so spektakuläre wie schwierige zweite Ehe mit dem schillernden Kunsthändler Paul Cassirer, ihrem «besten Freund und schlimmsten Feind», die in einem melodramatischen Showdown endete: Vor dem Büro des Anwalts, bei dem die Scheidungsurkunde unterschrieben werden sollte, erschoss sich Cassirer.
Das war 1926, Tilla Durieux war 46 und ein «Mega-Star», wie Hein es ihr in den Mund legt. Sein Fast-Monolog scheint allerdings 1970 zu spielen, an jenem Tag, als Tilla, 90-jährig, zum Ehrenmitglied des Deutschen Theaters ...
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Theater heute Januar 2013
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Barbara Burckhardt
Es ist grotesk. Auf der Bühne sitzt eine überdimensionierte fette Puppe, gebaut von Priska Praxmarer. Ganz in weiß, nackt, mit aufgenähten Brustwarzen stellt sie den Alkoholiker Wolfgang vor, der zusammen mit zwei anderen Straftätern beim Pfarrer einquartiert ist. Neben Monsterpuppe Wolfgang streifen noch die dünne Hemdchenpuppe Hashem und der Neonazi Gunther, bei...
Es geschieht nichts Aggressives, keine Gewalt, kein Blut, kein Sex, es ist nicht einmal besonders laut, und doch verlassen in dieser Szene immer wieder Zuschauer den Saal, weil sie es einfach nicht aushalten: Ein Mensch zählt, nichts weiter, aber das genügt. Es mag ein wenig verrückt klingen, aber diese Minuten in den Münchner Kammerspielen, in denen der leicht...
Wenn alle Schlachten zwischen Mensch und Welt geschlagen sind, dann enden große Erzählungen gern jenseits von Raum und Zeit: im Hinterzimmer des Bewusstseins. So war das in Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» oder in David Lynchs «Twin Peaks» oder letztens in Sebastian Hartmanns Tolstoi-Adaption «Krieg und Frieden» (s. TH 11/2012), als man mit flimmernden...
