Im Kaufhaus des Verschwindens
Ob sich die Finanzkrise und ihre Ursachen überhaupt fürs Drama eignen – oder mit Elfriede Jelineks Krisenredewirbel «Die Kontrakte des Kaufmanns» nicht längst mehr als alles gesagt ist – sind berechtigte Fragen. Auf jeden Fall aber bleiben die Folgen der Krise ein Thema fürs Theater. Theresia Walser interessiert sich jedenfalls nicht für ökonomische Theorie oder Kapitalkritik, sondern für ein alltägliches Kulturbiotop, das gerade untergeht.
Herr Ellenbeck, Ende 50, Verkäufer in der Herrenabteilung, hat in «Herrenbestatter» seinen letzten Arbeitstag, und seinen letzten Anzug wird er an eine Leiche verkaufen. Im müden Wirbel der großen Drehtür weht Theresia Walser ihrem Ellenbeck noch einmal ein paar verstreute Kunden und Belegschaftsreste um die Ohren. Zwischen schütteren Kleiderständern, halbleeren Regalen und den Selbstberuhigungstiraden der letzten Verbliebenen feiert sich das Kaufhaus im Verschwinden: der Konsumtempel des späten 19. und 20. Jahrhunderts, der immer mehr war als ein Vertriebskonzept für Gebrauchsgegenstände. Kultstätte der Überflussgesellschaft und Arche Noah der Fußgängerzonen, anonymes Geselligkeitszentrum der urbanen Einsamkeiten, Lebensbegleitrauschen und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ohlrogge stand in den Pedalen seines Holländer-Fahrrads und fuhr in die Hamme-Niederung, er war schon zu spät.Heute musste er eine sechsköpfige Gruppe aus Oldenburg betreuen, die sich für den Freilichtkurs angemeldet hatte und die ihn bereits links der Brücke auf dem Sandweg erwartete mit aufgestellten Staffeleien, Malplatten, Borstenpinseln und jeweils zwölf...
Johanna Dark, Angestellte im Karitativbusiness des wirtschaftskrisengebeutelten Chicago, hat Hochkonjunktur. Wahrscheinlich, weil sie ein bisschen klingt wie Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht, wenn bei «Anne Will» mal wieder die soziale Umverteilungskeule geschwungen wird: «Dieses ganze System ist eine Schaukel mit zwei Enden, die voneinander abhängen», weiß...
Später nannte es Siegfried Unseld ein «ausgesprochenes Tief». Eigentlich stand alles bestens zwischen Autor und Verlag. Thomas Bernhard kam nach wochenlangen Briefwechseln und abschließendem Telegrammaustausch mal wieder nach Frankfurt, seinen Verleger besuchen. Er brauchte ein neues Darlehen, 20.000 DM, nicht wenig Geld Mitte 1971. Man sah die Abrechnungen durch,...
