Im Grenzbereich
Im Grunde erzählt Orhan Pamuks Roman «Schnee» eine ganz konkrete Geschichte: Der Schriftsteller Ka kehrt aus dem Exil in eine türkische Kleinstadt zurück, um über eine Suizidserie unter jungen Muslima zu recherchieren, und gerät dabei zwischen die Fronten von laizistischer Staatsmacht und politischem Islam.
Alles wird genau beschrieben: das osttürkische Städtchen Kars nahe den Grenzen zu Georgien, Russland, Armenien und Iran, die bleierne Zeit Ende der Neunziger, als der Laizismus immer mehr an Bindungskraft verlor und sich gegen die Religiösen nur noch mit Gewalt zu wehren wusste, die Biografie Kas, der in Frankfurt lebt und dort an der westlichen Wohlstandsliberalität zu verzweifeln beginnt.
«Schnee» ist also ein Politthriller, veröffentlicht 2002, kurz bevor Recep Tayyip Erdogans AKP die Macht in der Türkei übernahm und die vormals dezidiert laizistische Republik nach und nach zu islamisieren begann. Der Roman fiebert in historischen und politischen Bezügen, doch nichts davon sieht man in Ersan Mondtags Hamburger «Schnee»-Inszenierung. Kein Ostanatolien hat Paula Wellmann in die Altonaer Thalia-Außenstelle Gaußstraße gebaut, sondern einen Nichtort, einen zweistöckigen Hof, der ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Falk Schreiber
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