Holistisch denken
Sich eine Welt auszumalen, in der das Realitätsprinzip abgeschafft ist, praktische Umstände keine Rolle spielen und der Wunsch nur darauf wartet, seine Erfüllung zu finden, das hat wenig mit der Art und Weise zu tun, mit der ich mich durchs Leben bewege. Deswegen entspricht es meinem Bild des idealen Theaters und meinem Selbstverständnis, dass die Künstlerische Leitung und die Geschäftsführung in einer Hand sind. Die eine Seite hat immer auch mit der anderen – ihrem vermeintlichen Gegenteil – zu tun. Ich nenne das holistisch denken. Kein Inhalt ohne Form. Kein Geist ohne Körper.
Keine Reflexion ohne Sinnlichkeit. Nur so kann ein Theater entstehen, in dem die Liebe genauso einen Ort hat wie die Politik.
Das HAU – Hebbel am Ufer kommt in vielerlei Hinsicht meinen Vorstellungen eines idealen Theaters bereits recht nahe. Ein Haus ohne eigenes Ensemble, in dem aber viele Bühnenkünstler eine Heimat haben, ein Haus für Gastspiele und Koproduktionen, für Internationalität und Interdisziplinarität. Zudem ein Ort, an dem wir mit dem HAU1, HAU2, HAU3 über drei Spielstätten mit höchst unterschiedlichen Raumsituationen verfügen. Wir haben nicht nur die Wahl, wenn es um die Frage geht, welcher ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utpoien, Seite 20
von Annemie Vanackere
Der Zustand der Theater ist Ausdruck der Gesellschaft, von der sie unterhalten werden. Ästhetisch. Strukturell. Organisatorisch. Wie sollte es auch anders ein. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach so, wie es ist. Das Personal, die ästhetischen wie politischen Programme bilden ab, wie es um die Macht- und Verteilungsverhältnisse in Deutschland, in...
Am 11. September 1844 kommt ein deutscher Jude aus Rimpar, Bayern, in New York an – Dank sei Gott, Baruch ha Schem. 7.25 Uhr, notiert er in sein Notizbuch mit leicht zittriger Hand, bevor ihn der Einwanderungsbeamte anspricht. Name? Heyum Lehmann. Heyum? Hey ... Henry. «Ok, Henry Lehman: welcome in America. And good luck.» So betritt der erste Lehmann-Bruder als...
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte...
