Durchgehend geöffnet
Eine der beglückendsten Lektüren der letzten Jahre war für mich die von John Alec Bakers «The Peregrine» über ein Wanderfalkenpaar im Osten Englands. Baker, der die Falken drei Jahreszeiten lang beobachtete, beschreibt sie mit so leidenschaftlicher Genauigkeit, dass man das Gefühl hat, er identifiziert sich mit ihnen, verschmilzt mit ihnen und beginnt, die Welt von oben zu sehen. Den Leser nimmt er mit in die Luft. Ein Falken-Lebensgefühl überwältigte mich.
Das Buch beginnt mit dem Satz: «The hardest thing of all to see, is what is really there.
»
Jeder kennt das wahrscheinlich von früheren Zeichenversuchen: Man betrachtet etwas, versucht dann, es auf Papier zu übertragen, aber was dabei herauskommt, hat sehr wenig mit dem zu tun, was man gesehen hat. Das Wesen ist nicht getroffen. Woran liegt es? Vielleicht hat es an Technik gefehlt. Vielleicht hat man zu viel gewollt, zu schnell gezeichnet. Vielleicht aber auch: nicht genau genug empfunden, was das, das man da sieht, wirklich für einen bedeutet.
Das Gleiche gilt fürs Theater. Um zu zeigen, was wirklich da ist, und im Zuschauer das Bedürfnis zu wecken, einem zu folgen – weil er fühlt, dass die Schauspieler wissen, was sie tun –, ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 16
von Bettina Hoppe
Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Träume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt ähnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Flügel ist überflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten...
Bisher standen Publikumsgespräche ja nicht unbedingt im Verdacht, zu den kontroversesten Genres des Bühnen-Business zu gehören. Zumindest nicht unter den beteiligten Schauspielern: Man gibt kollektiv Auskunft, wie man die schieren Textmassen bewältigt, welcher Inspirationsquellen man sich bedient oder womit man – im aufregendsten Fall – den Regisseur getriezt hat;...
Gelandet in Kiew. Wie Nachhausekommen in eine unbekannte Stadt», verzeichnet mein Tagebuch am 23.6.2011 um 16.00 Uhr. Ich war mit dem Direktflug aus New York angereist. 14 Stunden economy class, der Atlantik und drei Viertel des Kontinents lagen hinter mir. Dann die Taxifahrt durch eine ausgedehnte Zone voll schmutziger Plattenbauten und haushoher Reklamen für...
