Hier kocht der Chef noch selbst

Zum Abschluss von Wolfgang Reiters Direktion des Theaters am Neumarkt in Zürich wurde das Publikum erst gedisst, dann umarmt: mit Kathrin Röggla und mit Roland Barthes

Theater heute - Logo

Wolfgang Reiter ließ zum Schluss seiner Direktion im Zürcher Theater am Neumarkt wunderbar nörgeln. Zum Beispiel, dass die «Restauration» in den Künsten keine Kritik ertrage. Die schöne und irre Polemik von Kathrin Röggla, was denn ein Zuschauer zu leisten habe, hätte als Auftakt aber mehr Funken versprüht, als es die Fermate zu tun vermochte. Am Ende hörte und las man Rögglas «Publikums­beratung» weniger groß als klein und eng an den Verhältnissen des Hauses, welche die Autorin explizit in ihre Collage schreibt.

Die Gegenwart des Abschieds presste dem Text zu viel Enttäuschung ab. Das Neumarkt als Schutzwall vor der totalen Verstehbarkeit, als Stätte des hehren Experiments, als Bunker vor dem Terror des Durchschaubaren. Hier gab es nicht den «gelungenen Thalheimer-Abend», nicht bei uns! Für ein Experiment im Sinne einer Versuchsanordnung war es dann aber doch zu maßgeschneidert auf die Wunden der verkannten Kunst.
 

Stottern mit System: «Publikumsberatung»

Konkret begann es mit einem Unternehmensberater. Franz Tröger gibt sich als Sponsor zu erkennen und kündet einen Referenten der Agentur Speaker’s Brilliance an. Weil sich das Publikum bald auf «halb so alte» Direktoren wird ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2008
Rubrik: Bilanzen, Seite 58
von Tobi Müller

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Welt ist kleiner, als man glaubt

Das Festival «Theater der Welt» in Halle war gerade eine Woche alt und hatte die Stadt an der Saale schon fast in eine kleine multikulturelle Wunderkammer verwandelt, da sprachen abseits der Bühnen am örtlichen Landgericht die Richter das Urteil: Eineinhalb Jahre nach dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim im benachbarten Sangerhausen erhielten drei der...

Engel, Elfe, Gendernaut

Tellheim schwankt. Schwer verletzt und pleite, hat sich der Major ordentlich einen angesoffen – und weiß nicht mehr, wie es weiter geht. Rechts oder links? Damen oder Herren? Unruhig flackert der glasige Blick zwischen den Toilettentüren, die Stefan Meyer links auf die Wirtshausebene seines verschachtelten Bühnenbildes für Lessings «Minna von Barnhelm» gebaut hat....

Unsere verfickte Wut

Silberhöhe … Der Name schmilzt auf der Zunge. Vor Ort übliche Synonyme klingen weniger lieblich: Silberhölle, Silvercity, auch Hartz-IV-Ghetto. Gemeint ist dieses Neubaugebiet im Süden von Halle. Als hier noch boomendes Chemie-Gift die Gegend verseuchte, schossen die Plattenbauten wie Pilze aus dem Boden. Taiga ringsum. Von damals 39.000 Einwohnern leben heute noch...