Ankunft im sozialen

Beim 16. Internationalen Theater Festival in Istanbul positioniert sich das türkische liberale Bürgertum – und wagt sich hinaus in die eigene Stadt

Theater heute - Logo

So richtig kann Dikmen Gürün die drei Journalisten aus Berlin nicht verstehen. Mit leuchtenden Augen schwärmen die Gäste von der Armut im Elendsviertel Tarlabasi, das während des 16. Istanbuler Theater Festivals zum site-spezifischen Parcours für das deutsch-schweizerische Projekt «X Wohnungen» geworden ist, und greifen dabei beherzt nach dem feinem Gebäck, dass die Festivaldirek­torin zum gemeinsamen Hintergrund-Gespräch hat auftischen lassen.

Einer behauptet sogar, die Openair-Schlachtung eines Schafes auf offener Straße als eindrücklichste Theatererfah-rung mit nach Hause zu nehmen. Angesichts solcher Freude am authentisch Erlebten wird es der zierlichen Dame doch etwas mulmig. Öffentliches Metzgern sei längst verboten, erklärt sie, die Sitten in Tarlabasi nicht repräsentativ – schon gar nicht aus der Sicht des selbstbewussten kemalistischen Bürgertums. 

Rein zahlenmäßig hat dieses Bürgertum keinen leichten Stand in der widerspruchsvollen, wildwuchernden 14-Millionen-Stadt am Bosporus. Auch wenn es in urbanen Vierteln wie Nisan­tasi lebt, wo weißverputzte Fassaden blenden, schwarze Limousinen vor teuren Bioläden parken und Nannys ihre Schützlinge von der Schule abholen: Schon an ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2008
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lustvoll ausgepeitscht

Schwierige Sache, die Freiheit. Kaum sagt keiner mehr, wo’s langgeht, geht alles durcheinander. Die alte Mam (Heidemarie Rohweder in einem Kurzauftritt) hat ihr Leben ausgehaucht, und vier ihrer Arbeitssklaven heben den Leichnam an, um ihn wegzutragen – aber jeder will in eine andere Richtung. Kurzes Zerren, Stolpern, Stutzen. Dann weist Noch-Vorarbeiter Stanley...

Fleisch vom eigenen Fleisch

Klaus Dermutz Herr Stein, von Klaus Michael Grübers «Sturm» 1969 in Bremen waren Sie nicht angetan?

Peter Stein Nein, seinen «Sturm» fand ich nicht so toll, ein bisschen fantasievoll, ein bisschen verrückt. Diese Einschätzung kommt natürlich auch daher, dass ich Regisseur bin und vom «Sturm» andere Vorstellungen habe. Auch waren die schau­spielerischen Leistungen...

Hier kocht der Chef noch selbst

Wolfgang Reiter ließ zum Schluss seiner Direktion im Zürcher Theater am Neumarkt wunderbar nörgeln. Zum Beispiel, dass die «Restauration» in den Künsten keine Kritik ertrage. Die schöne und irre Polemik von Kathrin Röggla, was denn ein Zuschauer zu leisten habe, hätte als Auftakt aber mehr Funken versprüht, als es die Fermate zu tun vermochte. Am Ende hörte und las...