Heinrich, mir graut vor dir!
Angesichts der großen Erregung, die jedesmal durch die Gesellschaft geht, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch publik wird, ist es erstaunlich, wie ungestraft große Dichter davonkommen, wenn sie solchen Neigungen im wirklichen Leben oder in ihren Texten nachgehen. Dass Edgar Allen Poe seiner 13-jährigen Cousine nachgestellt hat und sie schließlich heiratete, ist vermutlich den meisten seiner Leser unbekannt. Bei Lewis Carroll wurde es eigentlich nur deswegen degoutant, weil er so komische Fotos von der kleinen «Alice» geschossen hat.
Und bei Kleist und Goethe stellen sich Regisseure wie Publikum endgültig taub. Kann man das beim Heilbronner Käthchen noch irgendwie verstehen, weil diese gerade 15-Jährige selbst die Initiative ergreift, um einen älteren Mann zu erobern (selbst wenn der sie auspeitscht), kann man auch Romeo vergeben, weil er ja kaum älter als seine 14-jährige Julia Capulet sein dürfte, so stellt sich der Fall bei Heinrich Faust doch ein wenig anders dar.
Im Musikzimmer des Missbrauchs
Hier verführt und schwängert ein älterer Mann ein Kind und überlässt es anschließend seinem Schicksal. Und trotzdem gibt es so gut wie keine «Faust»-Inszenierung, die dieses angeblich so ...
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Theater heute Mai 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Till Briegleb
Simon Stephens’ «Wastwater»-Trilogie war das ausländische Stück 2011. Jetzt folgen zwei Erstaufführungen in Wien und Köln – ein Aufführungsvergleich.
Alljährlich treffen sich beim «Körber Studio» in Hamburg die deutschsprachigen Regieschulen, eifrig beäugt von den Talentscouts der Stadt-und Staatstheater. Wie sieht sie aus, die Szene von morgen?
Selma Spahic nennt...
Es klingt wie eine Beschwörung: «Was sie sagen, ist nicht wahr», heißt es in der gewohnt ausführlichen Regieanweisung zu Franz Xaver Kroetz’ Kinderschänder-Drama «Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind». Der Autor warnt vor der Suggestivkraft der eigenen Worte. Sein Drama ist komponiert als bizarre, mehrstimmige Rechtfertigungslitanei. Zu Wort kommen allein...
Am Schluss verbeugen sie sich vor sich selbst und das zu Recht. Die spiegelnden Plexiglaswände des Kubus, den Annette Murschetz so eng in den Münchner Marstall eingepasst hat, dass vor den Seiten jeweils nur Platz für zwei bis drei Sitzreihen bleibt, werfen den sechs todesmutigen Schaukämpferinnen im Inneren das eigene erschöpfte und erleichterte Bild zurück. Zwei...
