Heinrich, mir graut vor dir!
Angesichts der großen Erregung, die jedesmal durch die Gesellschaft geht, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch publik wird, ist es erstaunlich, wie ungestraft große Dichter davonkommen, wenn sie solchen Neigungen im wirklichen Leben oder in ihren Texten nachgehen. Dass Edgar Allen Poe seiner 13-jährigen Cousine nachgestellt hat und sie schließlich heiratete, ist vermutlich den meisten seiner Leser unbekannt. Bei Lewis Carroll wurde es eigentlich nur deswegen degoutant, weil er so komische Fotos von der kleinen «Alice» geschossen hat.
Und bei Kleist und Goethe stellen sich Regisseure wie Publikum endgültig taub. Kann man das beim Heilbronner Käthchen noch irgendwie verstehen, weil diese gerade 15-Jährige selbst die Initiative ergreift, um einen älteren Mann zu erobern (selbst wenn der sie auspeitscht), kann man auch Romeo vergeben, weil er ja kaum älter als seine 14-jährige Julia Capulet sein dürfte, so stellt sich der Fall bei Heinrich Faust doch ein wenig anders dar.
Im Musikzimmer des Missbrauchs
Hier verführt und schwängert ein älterer Mann ein Kind und überlässt es anschließend seinem Schicksal. Und trotzdem gibt es so gut wie keine «Faust»-Inszenierung, die dieses angeblich so ...
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Theater heute Mai 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Till Briegleb
Berlioz, nicht der Komponist, sondern der Redakteur und Kritiker gleichen Namens, verliert seinen Kopf auf Seite 61 des Romans und nach etwa zwanzig Minuten auf der Bühne. Diesen kostbaren Kopf, in dem so viel Bedenkenswertes gedacht wurde, muss der Kritiker, wie der Bulgakow-Leser weiß, dem modernen Straßenverkehr opfern, der auch im kommunistischen Moskau der...
Die drei Männer mit dem Dauergrinsen verbreiten schon in der dreißigsten Minute bräsige Behäbigkeit und inkontinente Ironie, als sich dann doch etwas tut. Man hatte alle Zeit der Welt. Sportliche Provokation von Zuschauergeduld und latentes Versprechen eines herausgezögerten Vorhabens hielten sich zwar in einigen guten Momenten die Waage, aber meist wurde jeder...
Fünf Kritikerinnen und Kritiker bilden das Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage. Einer davon fungiert als «Sprecher». Ihm kommt unter anderem die ehrenvolle Aufgabe zu, sich auf der Pressekonferenz zur Auswahl den Fragen der Kollegen zu stellen. Wobei Fragen fast schon zu viel gesagt ist. In der Hauptsache handelt es sich um eine einzige Frage, und der...
