Heidelberg 1968 oder Die Entdeckung der Jugend
Als wir im Sommer 1968 in unserem vollbepackten Citroën ID 19 über die Autobahn von Frankfurt nach Heidelberg fuhren, war ein stiller Jubel in Elisabeth und mir. «Jetzt fahren wir endlich zu uns», sagte Elisabeth lächelnd. Das Kind lag schlafend auf dem Rücksitz des Wagens, den wir für vierhundert Mark erstanden hatten, weswegen es auch eine seiner letzten Fahrten wurde. Ich hätte Elisabeth umarmt, hätte sie nicht den Wagen gelenkt, denn ich fuhr nicht Auto, was sich bis heute nicht geändert hat.
Ab jetzt gibt es keine noch so gut gemeinten mütterlichen Ratschläge mehr, keine väterlichen Ermahnungen! Neuland. Indien, Persien, Amerika, Guatemala, Heidelberg! Die Stadt der Nobelpreisträger. Universitätsstadt. Durch die Mitte der Stadt zieht ein Fluss. Der Philosophenweg, über den schon Hölderlin, Hegel, Novalis, kurz alle, die ich verehrte, gegangen waren. Viele Kneipen. Bizarre Bürger. Wilde Jugend, die die Postkartenfassade – der Blick aufs Schloss, die Rheinebene, der Neckar, der Odenwald – beständig mit aufrührerischen Thesen, Forderungen, Manifesten bekritzelte. Die Villen der schlagenden Verbindungen übersehe ich einfach.
Kurz entschlossen, in einer einzigen Nacht, hatte der ...
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Theater heute August/September 2011
Rubrik: Akteure, Seite 48
von Hans Neuenfels
Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie? In meiner «Winterreise» wird vor dieser Sprechenden hier die Landschaft vorbeigezogen. Eine spricht im Stillstand. Aufgrund einer Angst-Erkrankung bin ich nicht imstande, diesen Preis, über den ich mich sehr freue, persönlich entgegenzunehmen, und leider – das beschreibe...
Wahrscheinlich geht es nur noch als Popsong: Wenn Lena Schwarz in den Bochumer Kammerspielen zur Jungfrau von Orléans anhebt, der Liebe und dem gesunden Landleben entsagt, um als eiserne Jungfrau mit höherer Botschaft Frankreich zu retten, dann steht sie links vorne an der Rampe, spricht und schnauft in ein Mikro, mischt sich selbst mit Echoschleife in einen...
Die Nasszelle als Ursprungsort epochaler Ereignisse rückt zusehends in den Fokus. «Karrieren werden beim Pinkeln gemacht», erklärte Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger kürzlich auf «Spiegel online». Auch Friederike Heller versammelt die Jungs um Revolutionsführer Jean Paul Marat aus Peter Weiss’ «Marat/ Sade» in einer klinischen Edelbadeanstalt (Bühne: Sabine...
