Fremd bin ich
Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie? In meiner «Winterreise» wird vor dieser Sprechenden hier die Landschaft vorbeigezogen. Eine spricht im Stillstand. Aufgrund einer Angst-Erkrankung bin ich nicht imstande, diesen Preis, über den ich mich sehr freue, persönlich entgegenzunehmen, und leider – das beschreibe ich ja – kann ich auch am Leben kaum je teilnehmen. Es ist also eine Reise im Stehen, nicht einmal im Warten, denn wenn man wartet, kommt ja möglicherweise noch mal was daher.
Gehen ist schon zu viel, man könnte sagen, es ist ein Verlorengehen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Der Leiermann steht barfuß auf dem Eis, und irgendwann wird die Wärme seiner Füße ihn durch das von seiner letzten Lebenswärme geschmolzene Eis brechen lassen, ähnlich wie die verlassenen ehemaligen DDR-Grenzhunde, die Marie-Luise Scherer in einer ihrer literarischen Reportagen beschreibt. Keiner kümmert sich mehr um die Tiere, die Grenze, die sie zu bewachen hatten, ist verschwunden, und sie rennen in ihrer Verstörung, so weit ihre Kette reicht, im Kreis, bis die Wärme ihrer Pfoten das Eis an dieser Stelle geschmolzen hat und sie in einem ...
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Theater heute August/September 2011
Rubrik: Akteure, Seite 60
von Elfriede Jelinek
Juni 2010, «Der nackte Wahnsinn» von Michael Frayn, Premiere. Zweiter Akt, das Publikum sitzt auf der Bühne und blickt – immer dann, wenn die Türen in diesem Türenstück sich öffnen – von hinten durch die Bühne auf der Bühne in den leeren Zuschauerraum. Da sitzt ganz allein, als einzige Zuschauerin des Stücks im Stück, die Intendantin und Regisseurin des Abends. Die...
Das Schlimmste, was beim Aufenthalt in einem Ferienresort passieren kann, ist Dauerregen. Man sitzt in einem trostlosen Bungalow auf weißen Plastikstühlen. Statt «anspruchsvoller Entspannung in der heißen City», wie im Urlaubskatalog versprochen, fröstelt man beim Blick auf den grauen Plattenbeton der Karl-Marx-Allee, während die Wassermassen an der Fensterscheibe...
Schade, dass es an diesem Premierenabend keine Liveschaltung in Frank Castorfs Gedanken gab. Zu gerne hätte man gewusst, ob der Intendant seinem ehemaligen Schauspieler Herbert Fritsch den Erfolg gönnt und seinem Haus endlich mal wieder ein enthusiastisch gestimmtes Publikum, ob er im Angesicht der Klamotte in ihrer reinsten Form erstarrte oder sich gar selber...
