Gelebte Heimatkunde
Herr Müller könnte einer jener Menschen sein, die zur Arbeit fahren, die Strecke wie die eigene Hosentasche kennen und kaum noch etwas wahrnehmen. Früh am Morgen sitzt er noch etwas zerstört in der Straßenbahn und hat alles schon tausendmal gesehen. Berührt hat ihn nichts. Passiert ist nie was, sieht man davon ab, dass die eine oder andere Fassade der Mannheimer Innenstadt gelegentlich von Gerüsten verstellt war. Keine Kulisse, die aus der Straßenbahnfahrt ein Frühsommermärchen machen würde.
Abends allerdings, wenn Müller von seinem Büro zurück zur Wohnung fährt, hat sich etwas verändert. Es braucht Zeit, bis er dahinter kommt, was ihn so seltsam berührt. Es sind diese Menschen, die plötzlich an der Seite der normalen Passagiere in der Straßenbahn sitzen und auf keinen Fall so zielgerichtet unterwegs sind wie er, sondern wie bewegungslose Flaneure die Aussicht genießen.
Sie haben Kopfhörer übergestülpt und werden ganz offensichtlich von periodischen Zuständen der Verzückung heimgesucht. Immer wieder lächelt einer von ihnen, als sei er an der letzten Haltestelle zum Buddhismus konvertiert. So was hat Müller noch nie gesehen, und man kann davon ausgehen, dass er vor einigen Stunden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vielleicht macht der Ort es notwendig, die Stimme zu erheben, um sich bemerkbar zu machen. Was die Tonfrequenz betrifft, hatte der Beginn der neuen Düsseldorfer Schauspielhaus-Intendanz etwas marktschreierisch Buntes, fleißig assistiert von der Präsenz der Intendantin Amélie Niermeyer in den Gesellschaftsspalten der Lokalpresse. Flankierende Maßnahmen, um sich zu...
Schon ein Blick auf den Theaterzettel verrät, dass einen in Barbara Freys Inszenierung kein konventioneller «Sturm» erwartet: Der Titel des Stücks hat seinen bestimmten Artikel verloren, und auf der Besetzungsliste finden sich nur drei Schauspieler. Nur Prospero, Ariel und Caliban haben das Massaker der Strichfassung überlebt. Die Bühne (Bettina Meyer) ist karg...
Neulich geriet Armin Petras, den man nicht unbedingt als wortkargen Menschen kennt, auf einem Podium ins Stocken: Der Moderator hatte lässig nachgefragt, wie viele Inszenierungen er in der vergangenen Saison eigentlich herausgebracht habe. Petras dachte lange nach. Dann spekulierte er: «Sechs? Sieben?»
Dürfte in etwa hinkommen: Mehr als siebzig...
