Finanzwelt im Verskorsett
Die Amour fou zwischen verfeindeten Lagern ist ein dankbarer Tragödien -stoff – siehe Romeo und Julia, Troilus und Cressida, Penthesilea und Achilles et al. Auch Medea und Jason gehören in diese Kategorie, allerdings wird meist nur der letzte Teil der Geschichte gespielt, in dem von Liebe keine Rede mehr sein kann: Die Ehe ist zerrüttet, Jason hat eine Neue, die verzweifelte Medea tötet die gemeinsamen Kinder.
Am Salzburger Landestheater aber steht der zweite Teil von Grillparzers Medea-Trilogie «Das goldene Vließ» auf dem Spielplan, in dem die beiden einander erst kennenlernen. Der Grieche Jason ist mit den Argonauten gekommen, um das von den Kolchern geraubte Vließ zurückzuholen. Medea, die Tochter des Kolcherkönigs Aietes, ist eigentlich seine Todfeindin; aber statt Jason zu töten, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn.
Der Regisseur und Dramatiker Nuran David Calis, hauptsächlich für dokumentarische Stückentwicklungen bekannt, habe Grillparzers Stück in die moderne Finanzwelt versetzt, ließ das Landestheater vorab wissen. Aber wer sich von den «Argonauten» nun eine aktuelle Klassikerüberschreibung erwartet hat, lag falsch: Der Text blieb weitgehend unangetastet, die «moderne ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2023
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Wolfgang Kralicek
In den Bühnenschwänken ist die Welt noch in Ordnung – und gleichzeitig völlig aus den Fugen. Sie «handeln vom Konflikt zwischen den Normen bürgerlichen Wohlverhaltens und der heimlichen Neigung, gegen sie zu verstoßen», heißt es im Programmheft zu «Der Raub der Sabinerinnen» am Wiener Akademietheater. Konkret bedeutet das aber leider oft: Anarchie, ja –...
Es sirrt, es zirpt, und zwar ziemlich aggressiv. Zikaden, untrüglich. Das ikonische Insekt aus dem familiendramatischen Tennessee-Williams-Country. Geben nie Ruhe im Geflecht, bleiben aber unterschwellig. Handeln im Verborgenen, kriechen einem ins Gehirn. Und entpuppen sich als eher hartleibige Zeitgenossen.
Damit wäre schon viel gesagt über das Biotop – Typus:...
Rage und Respekt – ganz deutsch geschrieben, das ist das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele Recklinghausen, wo man doch «rage and respect» als Rapper-Slogan besser kennt. Dort heißt es: Wut auf diejenigen, die einen nicht achten, oder: wütend Achtung einfordern. Der entflammte Zorn aber achtet gerade nicht das Gegenüber. Wut und Achtung hängen auf...
