Fels und Baumskelett

nach Camus «Der Fremde»

Theater heute - Logo

Zwei junge Männer lagern auf einer Matratze. Starren und schweigen den Bühnenhimmel an, und von dort oben glotzt zurück das Nirgendwo, das den in Sinnfragen mutwillig unbehausten Helden Meursault in Albert Camus’ Kurzroman «Der Fremde» erst umhüllt, und dann genüsslich erdrosselt. Zwei junge Männer also, und da springt der eine auf, feixt und flucht, ein Dutzend Worte, lacht und legt sich wieder flach. Nun der andere. Singt, tänzelt, schnippt. Faxen, wie man sie vor ein paar Jahren von jedem jungen Mann in einem anständigen Theater erwartet hätte.

 

Hier, in einer Camus-Inszenierung des Basler Regisseurs Werner Düggelin, der sich zu den Camus-Pionieren des deutschsprachigen Theaters rechnen darf, sind diese Flausen ein prologischer Abschied vom ohnehin verblichenen Poptheater der Jahrtausendwende. Was nun kommt und zählt, ist der Text. Und nicht viel mehr als der Text. 

Düggelin hat zwei junge Schauspieler auf Camus angesetzt. Jan Bluthardt und Sandro Tajouri. Und er hat sie szenisch an die Kette gelegt. Sie sind Meursault, ergänzen sich bruchlos zu einer Figur, vor allem aber sind sie zwei Stimmen aus einem Tagebuch, reduziert bis zur Rezitation. Sandro Tajouri spielt den Vorleser, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2008
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Stephan Reuter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Situationen des Politischen

Franz Wille Herr Hofmann, Sie kuratieren das renommierte Festival «Politik im Freien Theater», das im November in Köln stattfindet. Das fordert zwei Fragen heraus: Was ist Freies Theater, und was ist politisches Theater?

Rainer Hofmann Das versuchen wir herauszu-finden. Von den vier Worten «Politik im Freien Theater» weiß ich nur, was «im» heißt. Zu allem anderen...

Romane, Romane!

Theater heute John von Düffel, vor drei Jahren haben Sie für das Thalia Theater in Hamburg Thomas Manns «Buddenbrooks» dramatisiert, ein Stück, das nicht nur bis heute dort auf dem Spielplan steht, sondern in dieser Saison an zahlreichen Theatern nachgespielt wird. Worin besteht die künstlerische Herausforderung, wenn man aus einem 700-Seitean-Roman einen...

Materialermüdung

Das Düsseldorfer Schauspielhaus steht im Schatten des Thyssen-Hochhauses; Fritz Thyssen war einer der frühen Sponsoren der nationalsozialistischen Bewegung. Und die Firma Krupp im benachbarten Essen baute die Kanonen, die der Führer brauchte, um den Weltkrieg zu entfesseln. Die Regisseurin Karin Henkel fasste also buchstäblich ein heißes Eisen an, als sie das...