Exorzismus
Am Anfang war: ER. Der Mensch als Maß aller Dinge, damit er über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und alle wilden Tiere und über alle Kreaturen, die sich über den Boden bewegen, herrschen konnte.
Er trennte sich vom Tanzen und Rezitieren des griechischen Chorus und sprach: «ICH» – die Geburt des tragischen Helden. Von dort ging er hinaus in die Welt, um sie und all ihre Bewohner zu erobern. Er ernannte sich selbst zum «ICH» und den Rest zum «Anderen».
Er erklärte sich zu einem vernünftigen und denkenden Wesen und erzählte auf der Bühne von seinen Abenteuern: Eroberung der Wilden und Schlachtung der Tiere.
Der Monolog des Imperialisten über die Condition humaine war ausgezeichnet. Er erzählte uns, wie er nach Gottes Bild erschaffen wurde: ER machte sich zu einem Subjekt – einem tragischen Adam, der aus dem Paradies verjagt wurde, von Eva verführt. Unser Protagonist ruft, er weint, er fleht, er rührt das Publikum zu Tränen. Sie erkennen sich in ihm wieder! Der Beifall ist endlos. Die Kritiker knien vor ihm darnieder.
Aber jetzt! Mitten in seinem Auftritt verzerrt sich das Gesicht unseres Protagonisten, seine Worte werden zu dünnflüssigem Brei, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2019
Rubrik: Künstlertext, Seite 56
von Susanne Kennedy
Die zweitstärkste Szene dieser belgisch-deutsch-irakischen Rumpf-«Orestie» ist nur auf Video zu sehen: Der legendäre, weil Demokratie- und Rechtsstaat begründende Schluss von Aischylos’ Trilogie sieht für das Ende der ewigen Gewalt einen recht knappen Ausgang vor. Bei der Abstimmung, ob Orest für den Rachemord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgt oder begnadigt...
Das Theater, sagt Arthur Miller, kann nur Wahrheiten enthüllen, die schon bekannt waren, aber noch nicht als Wahrheiten erkannt worden sind. Welche Wahrheiten hat das Düsseldorfer Schauspielhaus enthüllt?
Wahrheit Nr. 1:
Das Theater ist eine Baustelle
Zunächst einmal war das Theater mit sich selbst beschäftigt. Nicht mit seiner Kunst, sondern mit seinem Gebäude....
Shakespeare, meint Johan Simons, sei wie ein Wald mit Hügeln, Bäumen, Teichen und Moorseen: «Man rutscht leicht aus, der Boden ist glitschig.» Mal sehen, wohin der Waldspaziergang «Hamlet» mit Sandra Hüller führt
Cennet Rüya Voss musste schon einige patriarchale Rollenmuster aus dem Repertoire kontern – ein Porträt
Wenn die Pointen immer dichter hageln auf die...
