«Etwas ist kaputtgegangen»

Ein Gespräch nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit der Regisseurin Clara Weyde, Teil des Leitungstrios am Schauspiel in Magdeburg

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Theater heute Die AfD hat die Landtags -wahlen in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent haushoch gewonnen. Hat Sie das Wahlergebnis überrascht?
Clara Weyde Nein, leider nicht. Bisher lag die AfD eigentlich nie unter den Prognosen, sondern meist leicht darüber. Bei dieser Wahl hatte ich den Eindruck, dass die zivilgesellschaftliche Mobilisierung möglicherweise sogar eher der AfD genutzt hat. Jedenfalls sind über 150.000 Nichtwählerstimmen an die AfD gegangen. Das ist besonders bitter.

Denn die letzten Wochen war hier in Magdeburg ein unheimlich politisiertes Klima. Man hatte schon den Eindruck, dass die Zivilgesellschaft sich aufbäumt, es kam viel Support von Künstler:innen und aus anderen Bundesländern. Aber offenbar hatte all das keinen Effekt.

TH Sie klingen sehr enttäuscht, verständlicherweise.
Weyde Wir hatten heute Morgen Vollversammlung, weil wir in die neue Spielzeit starten – und das Stimmungsbild ist schon sehr ambivalent. Weil wir natürlich kurz-, mittelund langfristig betroffen sind von dieser Wahl. Auch wenn man sich vorher mit der politischen Realität ausein -andergesetzt hat – und wir wussten, dass es hier 40 Prozent stabile AfD-Anhänger gibt: Jetzt ist etwas kaputt -gegangen, der Point of no return überschritten. Die Sprache hier ist unfassbar vulgär geworden, teilweise mit offenen NSDAP-Anleihen, wenn es im Wahlkampf heißt: «Im Osten geht die Sonne auf, und bald wird sie über ganz Deutschland scheinen.» Man muss sich klar machen, dass die AfD sich nicht mit Sachsen-Anhalt zufriedengeben wird – ich hoffe, dass der Weckruf jetzt angekommen ist.

TH Wie sieht es mit Ihrem Publikum aus?
Weyde Ich vermute, dass wir schon seit Längerem ein Ort sind für diejenigen, die ihre Hoffnung nicht auf eine klar rechts -extremistische Partei setzen, sondern für die knapp 60 Prozent, die etwas anderes wollen. Wir werden deshalb auch weiter ver -suchen, auf eine nicht populistische und solidarische Art Programm zu machen. Und wie sollte ein Theater für AfD-Wählerinnen auch aussehen? Für Leute, die Ideen von Gleichberechtigung über den Haufen werfen wollen, die finden, dass wir Demokratie nicht mehr brauchen? Zudem ist die Gemengelage komplex, aus der heraus Leute die AfD wählen – da lässt es sich mit Kunst nicht so einfach dagegenhalten. Eher versuchen wir, noch mehr ein Ort zu sein für die, die das AfD-geprägte Klima härter zu spüren bekommen als wir. Auch wenn wir ins Feindbild passen, sind wir nicht so gefährdet wie Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die hier so gelesen werden, dass sie nicht in Deutschland geboren sind. Wie es diesen Leuten geht, mag ich mir gar nicht ausmalen.

TH Sie haben gerade die Folgen für das Theater Magdeburg erwähnt – können Sie genauer beschreiben, worin die bestehen?
Weyde Sobald die neue Landesregierung ihre Arbeit aufnimmt, kann sie uns schaden, indem sie uns Mittel nicht zur Verfügung stellt oder bei Genehmigungsverfahren Probleme bereitet. Wir sind ja bisher von der AfD eher verschont geblieben, es gab nur wenige kleine Anfragen – kein Vergleich etwa mit dem Theater in Halle, das von Herrn Tillschneider regelmäßig öffentlich attackiert wurde. Mittelfristig wird bald schon der neue Theatervertrag zu verhandeln sein, der laufende geht noch bis 2028. Auch wenn das Land das Theater nur zu einem guten Drittel finanziert, kann die Stadt die Finanzierung unmöglich allein stemmen. Das ist natürlich ein mächtiger Hebel. Auch wenn die Kunstfreiheit uns vor den Zugriffen des Staates schützt, gibt es keine Garantie für die Kunstförderung. Die AfD verschiebt außerdem den Diskurs, indem sie nahelegt, dass das «gesunde Volksempfinden» selbst weiß und auch entsprechend entscheiden sollte, welche Kunst es gut und entsprechend förderungswürdig findet. So wird versucht, bestehende demokratische Institutionen zu schwächen und auszuhöhlen.

TH Haben AfD-Politiker wie z.B. Hans-Thomas Tillschneider, der sich ja für das Amt des Sachsen-Anhaltischen Kulturministers in Stellung zu bringen scheint, schon von sich hören lassen?
Weyde Nein, bei uns hat er sich bisher auffällig zurückgehalten. Einer ihrer Kollegen hat schon den Verdacht geäußert, dass das Theater vielleicht zu erfolgreich ist und die AfD schon immer genau weiß, was ihr nützt.

TH Die AfD lebt ja davon, dass sie den Leuten das Blaue vom Himmel verspricht. Wie kann man das entzaubern?
Weyde Ich habe keine Ahnung. Ich bin keine Politikerin, und unser Job ist es auch nicht, die Demokratie zu retten. Mein Eindruck ist, dass die Leute konkrete Lösungen wollen, die spürbar bei ihnen ankommen. Es geht um Benzinpreise, Jobs, Wirtschaftskompetenz, Abwanderung, Überalterung, Angst vor Migration – wobei das interessanterweise gar kein so ein wichtiges Thema in diesem Wahlkampf war. «Alles ist möglich» – in diesen AfD-Slogan kann jeder für sich etwas hineinprojizieren. Aber auch die manchmal pauschal abwertende Rhetorik des Kanzlers hat der AfD Leute in die Arme getrieben, weil das hier auf besonders verwundeten Boden fällt.

TH Die AfD macht viele finanzielle Versprechungen – von Eigenheimkrediten für Familien bis zur Führerscheinbeihilfe. Braucht sie dafür die Gelder, die bislang in Theater oder zivilgesellschaftliche Verbände fließen?
Weyde Soweit ich weiß, ist die AfD die einzige Partei, die die Kulturbudgets explizit nicht kürzen will. Sie drohen zwar damit, wenn jemand nicht nach ihrer Pfeife tanzen will, aber eigentlich sind sie die einzige Partei, die sich überhaupt für Kultur interessiert und einen langfristigen Plan hat. Dafür muss sie jetzt nur noch abwarten, bis sie fürs Theater Personal findet, das sich an ihre Vorstellungen anpasst. Umgekehrt stellt sich ja schon die Frage, warum wir nicht die fähigsten Kulturpolitiker auch in entsprechenden Ämtern haben – was ist zum Beispiel mit Carsten Brosda? Und jetzt gibt es eine Partei, die mit der Kultur viel vorhat: Die AfD strebt einen Systemwechsel an. Mit Hilfe der Kultur verändert sie, was sagbar ist. Ich fürchte, dass nicht von allen erkannt wird, welche wichtige Rolle die Kultur hier spielt.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille


Theater heute Oktober 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Eva Behrendt und Franz Wille

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