Er war supernett
Es war sehr schwierig, Ihre Figuren zu begreifen. Wer waren sie?» Das war die erste Frage beim Publikumsgespräch nach der Lesung von «Rocco Darsow» am Goethe-Institut Tokio im Juli 2016. Ich antwortete: «Es gibt keine Figuren, wir sind einfach wir selbst, die vier Schauspieler:innen.» Ein Zuschauer: «Aber welche Gefühle wollten Sie bei uns hervorrufen?» Ich: «Theater hat nicht nur mit Gefühlen zu tun, sondern auch mit Gedanken.
» Nach einem anstrengenden Arbeitstag möchte man eben einfach nur lachen oder weinen, um den Kopf frei zu bekommen: Ich war schockiert, aber ich wusste es bereits. Ich bin eine japanische Schauspielerin, geboren und auf -gewachsen in Tokio. Ich habe von 1984 bis 1999 in verschiedenen Theatern in Tokio gespielt, bevor ich im Jahr 2001 nach Berlin zog.
In diesen zwanzig Jahren habe ich an sieben Stücken von René mitgearbeitet und zwei seiner Stücke ins Japanische übersetzt. Mit jedem Stück verbinde ich viele Erinnerungen. Im Jahr 2004 sah ich «Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!» im Prater und schrieb sofort an den Theaterproduzenten in Tokio: «Du musst unbedingt René Pollesch einladen!» Er hat das gemacht. Ich selbst habe 2005 in Wien zum ersten Mal mit René gearbeitet, in dem Stück «Häuser gegen Etuis». Ich war damals frisch fest am Burgtheater engagiert und fand dort alles fremd. Ich schlug René vor, seinen «Pilztext» zu verwenden. Als ich den Text sprach, lachten die Zuschauer – es war ein humorvoller Text, aber am Ende verstanden sie etwas. «Aber ich erwarte mir zumindest eine Aussage darüber von oben, wie ich jetzt weiterleben soll, nachdem ich aus dem Themenkreis der klassischen Dramenliteratur einfach herausgefallen bin.» Ich konnte mein Problem mit dem Publikum teilen, das gab mir den Mut, weiterhin hier zu arbeiten.
2011 habe ich «Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!» ins Japanische übersetzt und Lesungen in Tokio und Osaka abgehalten. Wie schwierig es ist, Renés Texte zu übersetzen! Ich wartete damals mit vielen Fragen in der Kantine der Volksbühne auf René. Er beantwortete alles und meinte, ich solle nur das übersetzen, was ich verstehe, und nur dort lesen, wo ich lesen möchte. «Und wie soll ich die Lesung gestalten?» «Liebste, NUR du solltest es lesen!» Die Lesung in Tokio stieß auf sehr positive Reaktionen wie «Ich habe zum ersten Mal verstanden, wie revolutionär Pollesch ist!». Auch Workshops über Pollesch für Studierende habe ich oft abgehalten.
Letzten Sommer als ich Renés Text las, sagte ein Student: «Komisch. Ich denke immer, ich muss mich selbst löschen und zu einer Figur werden.» Ich: «Nein, du bist wichtig! Du musst dich nicht selbst aufgeben. Dein jetziges Problem ist viel wichtiger als das von Hamlet.» Am Ende des Workshops leuchteten die Augen der Studierenden. Wie René ihnen eine neue Tür geöffnet hat! René Pollesch ist auch in Japan wichtig.
Er war fair. Er war supernett. Ich vermisse ihn. Scheiße.
Theater heute April 2024
Rubrik: Nachruf René Pollesch, Seite 36
von Sachiko Hara
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