Ein Dramatiker seiner Zeit

Zum Tod von Tankred Dorst

Theater heute - Logo

Als Tankred Dorst schon fast 90 Jahre alt war, 2014, sagte er ganz nebenbei Abschließendes zu jedem überflüssigen Streit über Schauspieltheater oder Performance: «Als ich anfing, Stücke zu schreiben, zu Beginn der 60er Jahre, waren die Grenzen der Darstellung viel enger. Wenn ich mich dagegen heute umschaue, dann sehe ich eine hohe Qualität in einem freien Umgang, Geschichten zu erzählen. Ich denke allerdings schon, Theater sollte eine Geschichte erzählen. Aber da gibt es viele Möglichkeiten.

Wenn jemand über die Bühne geht und sich schnäuzt – auch das ist eine Geschichte. Und wenn es nicht Theater ist, dann nennen wir es eben Thaeter, würde Brecht sagen.» Offener, undogmatischer und neugieriger kann man über sein eigenes Kunstfach nicht sprechen: Wenn das Kunstfach nicht mehr ausreicht, eröffnen wir eben ein neues. Diese Erkenntnis kam nicht pompös daher, sondern nüchtern und bescheiden, mit Verweis auf einen anderen deutschen Klassiker. Da werfen sich sonst deutlich kleinere Autoren wesentlich größer ins Zeug.

So denkt und schreibt jemand, der schon zu Beginn seines Denkens und Schreibens jedem großtönenden Ehrgeiz abgeschworen hatte und seine Existenz als «geschenktes Leben» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2017
Rubrik: Nachruf, Seite 44
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Der Staat regiert

1) In welchem politischen Kontext steht die Angelegenheit?
Einer der Hauptoppositionellen im gegenwärtigen Russland und der einzige Mensch, der Wladimir Putin theoretisch in den bevorstehenden Wahlen Konkurrenz machen könnte, Alexei Anatoljewitsch Nawalny, führt gerade einen Kreuzzug gegen Korruption, genau die, die in den höheren Rängen der Mächtigen Russlands...

Kafka an der Wand

Zehn Jahre lang hat David Lynch, nun ja, nicht geschwiegen. Er hat Musik gemacht, das Wetter angesagt, für die eher üble Sekte «Transzendentale Meditation» mis­sioniert, er hat Musik-Videos unter anderem für Moby und Nine Inch Nails gedreht, aber einen Spielfilm von ihm gab es seit dem radikal kryptischen «Inland Empire» nicht mehr. Dann kamen die ersten Gerüchte...

Basel: Drei Meilen hinter Weihnachten

Zwei Stücke hat Philipp Löhle bereits geschrieben, in denen er uns die normative Sozialisation eines Sohnes und einer Tochter vor Augen führte. In «Du (Normen)» und «Du (Norma)» war man Zeuge artspezifischer Lebensläufe und bis zur Kenntlichkeit entstellter Familienstrukturen. Um Familie geht es auch jetzt. Wir sehen: einen Vater, eine Mutter, den Sohn, die...