Du leidest, du lässt leiden – leider alles umsonst
Es gibt Künstler, die für ein bisschen Medienaufmerksamkeit alles tun, zumal, wenn sie gerade ein neues Buch, einen neuen Film, eine neue CD oder auch nur irgendeine Meinung zu promoten haben. Stürmt der Künstler nicht von selbst nach vorn, hat er Agenten, Verlage und Produktionsheinis, die ihm Beine machen. Man kann das niemandem verübeln. Der Künstler braucht die Öffentlichkeit, sein Kunstwerk sucht das Publikum. Das Publikum wiederum ist neugierig, will informiert und unterhalten sein. Und der dazwischen geschaltete Journalist, der lebt davon.
So läuft das Spiel, und meistens läuft es wie am Schnürchen. Wir leben in einer Kommunikations- und Mediengesellschaft.
Nicht so der Künstler Herbert Achternbusch. Der lebt in seiner eigenen Welt, und die liegt weit außerhalb des globalen Dorfs. Es ist eine Welt, in der nicht viel geredet wird, in der es kein Fax, kein Handy, keinen Computer gibt. Einen Fernseher schon, aber nur für Videoabende mit seiner Tochter. Es ist still geworden um Herbert Achternbusch in den letzten Jahren. Selbst jetzt, da er ein neues Stück geschrieben hat, lässt sich schwerlich behaupten, er «melde» sich als Dramatiker «zurück». Im Gegenteil, der bayerische Heimatforscher mit dem berühmten «Andechser Gefühl» hat sich in den letzten Wochen noch viel weiter zurückgezogen, ins Waldviertel über dem Manhartsberg, eine der hintersten Gegenden Österreichs, unweit der tschechischen Grenze gelegen. Es kostet einige Mühe, ihn dort ausfindig zu machen. Hat man dann endlich eine Telefonnummer zugespielt bekommen, bedeutet das noch gar nichts, denn Herr Achternbusch geht nur in seltenen Fällen ans Telefon und hängt dieses auch gerne mal aus. Ist er schließlich an der Strippe, gibt der Künstler sich störrisch und setzt alles daran, ein Treffen mit ihm abzuwenden. Von «Eseln» spricht er, die seine ganze Zeit in Anspruch nähmen, und über Theater, raunzt er, über Theater wolle er schon gar nicht reden. Okay, am Ende lässt er sich dann doch überreden, aber nur in der Hoffnung, dass man den Weg zu ihm sowieso nicht finden wird.
Irrfahrt zur «nördlichsten Karawanserei»
Eine Hoffnung, die nicht ganz unberechtigt ist. Um den Münchner Filmemacher, Maler und Dichter Herbert A. in seiner österreichischen Einsiedelei aufzustöbern, muss die Journalistin, wenn es blöd kommt – und es kommt blöd! –, von München aus eine siebenstündige Odyssee antreten. Sie muss, wenn schon der Zug nach Salzburg Verspätung hat und dadurch sämtliche Anschlüsse verpasst werden, in Linz auf ein Taxi zurückgreifen, was aber nur dann zielführend wäre, wenn Herr Achternbusch doch bitte mal ans Telefon ginge und seine genauen Koordinaten durchgäbe. Der vereinbarte Termin, 13 Uhr, Wirtshaus Hirsch, Großgerungs, ist längst nicht mehr einzuhalten. Wie es ihm mitteilen? Und wohin jetzt? «Fahrn’S zruck», schnauzt Achternbusch, als er endlich den Hörer abnimmt, «des hot doch koan Sinn!» Er ist genervt, aber das ist kein Vergleich zum drohenden Nervenzusammenbruch einer Journalistin am Bahnhof Linz, die gerade mit einem jeglicher Geistesflinkheit abholden Taxifahrer die niederösterreichische Landkarte studiert. Es ist pures Mitleid, dass Achternbusch schließlich einlenkt und doch noch mit einer Ortsangabe plus Hausnummer herausrückt. Der Ort ist in der Karte des Taxifahrers nicht eingezeichnet. Er liegt bei Großgerungs bei Zwettl bei Freistadt, gut 80 Kilometer von Linz entfernt. «Dann versuchen Sie’s halt», gurrt Achternbusch nun sehr viel milder. «Ich bin da.»
Die Taxifahrt dauert zwei Stunden. Sie verzögert sich durch einen Stau auf der Autobahn, durch einen umgekippten LKW auf der Landstraße, durch einen Trauerzug in einem Dorf. Es ist ein Hindernisparcours durch Wald und Flur, der schließlich zu einer Ansiedlung mit dem klösterlichen Namen Oberneustift führt und von dort, an einer Pferdekoppel und einer gelben Kapelle vorbei, zu einem Haus wie aus einem Märchenland. Es steht abgelegen in einer Senke, flankiert von einem Teich und sanftem Hügelgrün. Seine weiße Fassade ist, wie ein Gegenstand aus Porzellan, über und über mit blau-grauen Mustern und Männchen bemalt. Das «blaue Haus» hatte es eine Informantin am Wegesrand genannt, «da ist der Achternbusch».
Der innere Eselsdruck
Man muss die Irrfahrt in die ferne Welt des Herrn A. so detailliert beschreiben, um den grandiosen Oase-Effekt zu verdeutlichen, den dieses Märchenhaus auf Anhieb hat. Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Anspannung fahren, scheint es zu wispern und empfängt einen mit einem Frieden, den man draußen lange sucht. Der Innenhof, in dem ein Wasser plätschert, ist von einer fast zen-buddhistischen Ruhe, dabei schaut er mit seinen farbigen Holzbauten und Skulpturen wie ein lustiger Kinderhort oder wie der Garten einer Villa Kunterbunt aus. In der Mitte stehen, versammelt wie in einem Streichelzoo, die Esel, von denen Achternbusch schon am Telefon sprach: aus Holz gesägte, bunt bemalte Tiere in unterschiedlicher Größe und Form. Eines schaut wie ein Lama, ein anderes wie ein Zebra aus, aber es sind Esel, daran gibt es für Achternbusch nichts zu rütteln: «Weil es ein Gebrauchstier ist, das jeder kennt und auch umgangssprachlich vorhanden ist: Du alter Esel, du! Ein Symbol für Geduld, Ausdauer und Blödheit.» Jeden Tag baut Achternbusch einen neuen, was ihn unter enormen Stress setzt, wiewohl er gar keinen Auftrag und daher auch keinen Termindruck hat. Aber da ist eben dieser «innere Druck». Die Arbeit an den Tieren bezeichnet er als sein «letztes Angebot, allgemein verständlich zu sein». 16 Esel sollen es werden: «Weil ich nie mehr als 16 Bier trunken hab.»
Achternbusch trägt ein blau-weiß-gestreiftes Ringelshirt wie einst Picasso und lächelt einen unter seiner gelben Schirmmütze wie ein Lausbub an. Der Grant vom Telefon ist verflogen. Er scheint sogar ein wenig gerührt, dass man ihn gefunden hat. Immer nur mit den Eseln alleine, das sei auch nichts, sagt er, «diese Viecher sind schon auch ein hochnäsiges G’sindel, die unterdrücken mich». Bis vor kurzem war noch seine kleine Tochter da, Naomi Semiramis, aber die kommt jetzt aufs Gymnasium. Jetzt hoppelt nur noch ihr Hase Flocki hier herum. Auf einem der Esel, einem besonders bockigen mit einer Banane auf dem Rücken, hat Naomi einen Zettel hinterlassen: «Ich will nicht vort. Hier ist der schönste Ort. Jetz ist ne andere Zeit. Ich komm in die Pubertät. Ich weis nicht was geht.» Der Papa hat ihr den Esel gewidmet und ihn «Pubertät» genannt.
Es ist ein wundersamer Kosmos, den man mit Achternbuschs Grundstück betritt, ein Neverland der Fantasie, das bei aller Verspieltheit etwas Mönchisches hat. Für den Künstler ist es Landsitz, Werkstatt und Klause, sein Rückzugsgebiet, wenn ihm München auf die Nerven geht. Das schmucke Haus mit dem grauen Schieferdach und den schweren Deckenbalken im Inneren stammt aus dem Jahr 1761. Es war einst das nördliche Jagdhaus des nahen Freimaurerschlosses Blumenau. Achternbusch hat es vor 15 Jahren gekauft, hat im Keller eine fantastische Felsengrotte als Badezimmer eingerichtet, hat die Wände innen wie außen bemalt und neben dem Haus einen Bilderbuch-Teich zum Baden angelegt. Im Atrium, links von der Eselhorde, steht sein «Theater», ein elisabethanisches Brettergebilde, dessen knallbuntes Balkengeländer im Viereck um eine grasbewachsene Spielfläche führt. Auf der anderen Seite des Hofes, rechts von der Eselhorde, steht der «Tempel», ein überdachter, nach allen Seiten hin offener Holzbau in leuchtendem Rot. Die verzweigten Stützbalken sehen mit ihren Holzfiguren aus Achternbuschs griechischer Phase wie Totempfähle aus.
Achternbusch nennt diesen Ort der Einkehr «die nördlichste Karawanserei von der Mongolei». Der Tempelspruch lautet: «Du leidest, du lässt leiden, leider alles umsonst.» Leiden, sagt Achternbusch – und er sagt es nicht nur so dahin –, leiden könne er von allen Dingen am besten. Er hat sich inzwischen im Tempelbereich auf einem Teppich niedergelassen und seinem Besuch eine Brotzeit hingestellt, Schafskäse, Oliven und das wohl zarteste Gselchte des südlichen Landstrichs. Auch das schmale Büchlein mit seinem neuen Stück hat er mitgebracht. Es ist in dem kleinen österreichischen Verlag Bibliothek der Provinz erschienen. Auf dem Cover: ein Jugendfoto jener Frau, die Achternbuschs Mutter war. Kecke weißblonde Locken spitzen unter einem modisch nach hinten gebundenen Kopftuch hervor, ein verführerischer Blick von unten sagt: Ich kriege dich.«Kopf und Herz»: Mutter-Monolog im Lebensroman
Es ist diese junge Frau, Achternbuschs Mutter, aus deren Sicht das Stück geschrieben ist. «Kopf und Herz» ist – wie «Ella», wie «Gust» – ein sturzbachartiger, atem- und absatzloser Monolog, aber auch wieder nicht so richtig, denn die Frau hält dabei ein Zwiegespräch mit dem ungewollten Kind in ihrem Bauch. Das hat zwar noch keinen Namen, aber schon ein ausgeprägtes Mundwerk, woran sich unschwer der kleine Herbert erkennen lässt. Die junge Frau ist eine Athletin mit dem «Traum von einem internationalen Siegersport». Schwanger zu werden, hat ihr gerade noch gefehlt: «Du behinderst mich, Bastard.» Loswerden will sie das Kind, ihre Freiheit zurück. Der Kleine, ein neunmalkluger Scheißer, wehrt sich nach Kräften: «Auch wenn ich in dir sein muss, so habe ich doch meine ganz eigene Welt. Versündige dich nicht, ich bin nur dein Gast.»
Während sie solcherart streiten, entsteht eine Lebensgeschichte: die Geschichte der Sportlerin Louise Achternbusch, einer Frau mit sehr viel Durchhaltevermögen und großen Träumen, aufgewachsen in Etterzhausen an der Naab, ihrem geliebten Etterzhausen, mit 25 geschwängert von einem Hallodri, den sie den «Papstfilou» nennt («weil er dein Papa ist und ein Filou»), die große Liebe war es nicht. Es ist ein saftiges, fließendes, seltsam anrührendes Stück, gespickt mit biographischen Details und vielen schönen Achternbusch-Sätzen. «Würde ich nur einen Theaterdirektor kennen», sagt die Mutter, «dann würde ich mit ihm einen Filmschauspieler erschlagen, aber einen Filmschauspieler kenne ich auch nicht.» Ihrem Schwager unterstellt sie eine «Unterhosenkatholizität», und den Mond fragt sie: «Wird mein Sohn sich mit Weibern blöd anstellen?» Die Antwort lautet unmissverständlich: «Ja.» Auch kindskopflastige Betrachtungen und die Schlenker gegen die Nazis fehlen nicht – wir schreiben Achternbuschs Geburtsjahr 1938 –, und es gibt die obligatorische München-Beschimpfung: «Alles steht da wie eben verloren, das Isartor wie hingeschissen, das Sendlinger Tor wie nicht aufgeputzt, und das Kaufinger Tor steht da wie ein Arschloch, das den Durchgang der Menschen nur benutzt, sich an ihnen abzuputzen.»
Der Schluss des Stückes spielt zehn Jahre später, 1948. Nun ist es allein das Kind, das spricht. Aber es ist nicht Herbert, der Sohn, sondern dessen Tochter Naomi Semiramis, die mal kurz eine Generation übersprungen hat. «Papa», schimpft sie, «immer schreibst du was, was ich nicht sagen will. Ich will nicht, dass ich die Tochter eines Deppen bin.» So reiht sich «Kopf und Herz», dieses kleine «Theaterstück für eine Person», bruchlos in den großen autobiographischen Lebensroman ein, zu dem sich am Ende alle Achternbusch-Texte fügen: Geschichten vom armen Herbert und wie er die Welt sah.
«Das ist schon irgendwie summa summarum mein Leben», befindet Achternbusch über seinen Mutter-Monolog. Geschrieben hat er ihn binnen einer Woche nebenan im Gartenhaus, auf seiner alten Schreibmaschine vor den Zeichnungen seiner Tochter. Es war alles schon da, floss nur noch heraus: «Meine Mutter war neun Monate mit mir schwanger, ich 30 Jahre mit ihr.» Vor 30 Jahren, das steht nicht im Stück, hat Achternbuschs Mutter sich umgebracht, hat sich mit einem Revolver in den Mund geschossen, «genau wie der Hitler». Sie hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs, wollte nicht an den Qualen verrecken. «Mei kloane Mutter» nennt Achternbusch sie zärtlich, schön sei sie gewesen, «fast mit griechischem Profil», eine «Lebensschauspielerin». Louise war Neunkämpferin, hatte zig Medaillen, später schulte sie dann auf Tennislehrerin um, und er, der Herbert, war als ihr Ballbursche tätig. Frech sei er zu ihr gewesen, «richtig gschert, ein Hundling». Und sie, die Ernste, habe immer gesagt: «Na, plagt dich wieder die Witzlsucht?»
Der Herr Vater, dieser «Papstfilou», war Dentist, «ein Lebenskünstler», sagt Achternbusch, «sehr wendig und originell», aber ein Suffkopf, das auch. Und ein Weiberheld. 1934 ist er aus der Nazipartei ausgetreten, ohne dass man ihm dafür ein Härchen gekrümmt hat, darauf sei Adolf Achternbusch ein Leben lang stolz gewesen. Später sei er komplett verspießert, «nix hat er mir vererbt», schimpft der Sohn. Wahrscheinlich ging alles an die anderen Kinder, Achternbuschs Halbgeschwister, «angeblich acht» soll es davon geben, alle älter als er. Große Liebe Annamirl
Aufgewachsen ist das uneheliche Kind Herbert weder bei der Mutter noch beim Vater, sondern auf dem Hof der Großmutter im Bayerischen Wald. Die Mutter kam zwar regelmäßig zu Besuch, «aber die bäuerlichen Verhältnisse, die hat sie geflohen». Nach dem Abitur studierte Achternbusch an der Kunstakademie Nürnberg und an der Akademie der Bildenden Künste in München, aber so richtig mit dem Malen angefangen hat er erst 1984, als er schon ein gestandener poète maudit und Filmregisseur war, der sich mit seiner Bierkampf- und Bayernkrampf-Dramatik schmerzvoll an seinem Land abarbeitete. Achternbusch lebte damals in Ambach am Starnberger See, der Heimat von Annamirl Bierbichler, die nicht nur seine wichtigste Film-, sondern auch seine Lebensprotagonistin war. Acht Jahre waren sie ein Paar, dann hat Achternbusch sie verlassen, was er, wie er zugibt, nie ganz verwunden habe, aber noch weniger sie. Es gibt Leute, die sagen, er habe ihr das Herz gebrochen. Die nächste Frau im Leben von Herbert Achternbusch war eine sehr viel jüngere, eine Bedienung aus dem Münchner Stadtcafé. Von ihr stammt Töchterchen Naomi – Achternbuschs sechstes Kind –, aber ansonsten hat sie dem Künstler kein Glück gebracht. «Auszogn hat’s mich», wettert er. «Das war so ein Mistviech.»
Am 27. Mai dieses Jahres ist Annamirl Bierbichler, die Schwester des Schauspielers Sepp Bierbichler und Achternbuschs große Liebe, mit 55 Jahren an Krebs gestorben. Es war der Tag, an dem Achternbusch sein «Kopf und Herz»-Stück abgeschlossen hat. «Wäre sie früher gestorben», sagt er, «hätte ich es wahrscheinlich nicht geschrieben.» Für die Rolle hatte er natürlich sie im Kopf, die Annamirl, die in seinen Filmen so oft sein Alter Ego war, erstmals 1977 in «Servus Bayern» und zuletzt 1993 in «Ab nach Tibet!». «Sie hatte ein Bauerngesicht», sagt Achternbusch, «aber sie war immer meine Queen und schauspielerisch viel besser als der Sepp.» Der Beerdigung ist Achternbusch fern geblieben – auch, weil es eine katholische war: «Stell’n Sie sich vor: a katholischer Pfarrer, die Annamirl und ich! Wir haben doch die Katholen gehasst wie die Pest!»
Jetzt ist schon wieder ein Freund von ihm gestorben, der Wolfi Bauer, sein Dramatikerkollege aus Österreich. Achternbusch hat ihm einen Esel gebaut, einen geduckten, ganz in weiß. «Geh, ned scho wieder an Esel!», habe der tote Wolfi gemosert. Darauf er: «Schau doch die Leut an, san eh alles Esel.» So in der Art debattiert er jetzt immer mit ihm. «Der Wolfi Bauer», sagt Achternbusch, «war der einzige Schriftsteller, den ich als Spezl anerkannt habe.» Mit keinem anderen sei er je warm geworden, «nicht mit’m Handke, nicht mit’m Kroetz». «Achtel» habe ihn der Wolfi immer genannt, «Achternbusch, der Achtel. Weil es bei uns immer g’heißen hat: Geh, trink ma noch a Achtel.»
«Ich hab kein Geld, mir fällt nix ein»
Achternbusch hat inzwischen die Levis gegen eine farbverschmierte Cordhose getauscht und sich ans Eselswerk gemacht. Die Arbeit an den Holzviechern treibt ihn richtig um, er kann da plötzlich ganz fuchsig werden. Das neue Tier – «Esel mit Tuch» – hat er bereits am Morgen ausgesägt und zusammengeleimt, jetzt bemalt er es mit braunroter Farbe und schwarzen Pinselstrichen. Es wird ein sehr stolzes Exemplar. Im abendlichen Sonnenlicht gewinnt das Eselspack eine fast unheimliche Plastizität. Jedes einzelne Viech scheint ein Eigenleben und seine ganz spezielle Persönlichkeit zu haben. Man kann schon verstehen, dass diese Horde dem Künstler auch zusetzt und ihn mitunter zur Verzweiflung treibt.
Von der störrischen Arroganz seiner Esel kommt Achternbusch auf die eitle Arroganz der Theaterleute zu sprechen. «Der Peymann, der Zadek, der Dorn, die tun doch alle, als hättens die G’scheitheit mit’m Löffel g’fressen.» Achternbusch kann das alles nicht ab – und das Theater schon gar nicht, das sei so langweilig, das könne ihm gestohlen bleiben. Er gehe auch gar nicht mehr rein, ins Kino dagegen schon, wenn er in München ist, sogar jeden Tag. Den Einwand, er habe das Theater doch selber mit zahlreichen Stücken und Inszenierungen bedient, winkt der Dramatiker ab: «Ich hab fürs Theater immer nur geschrieben, um Geld für meine Filme zu kriegen.» 28 Filme sind dabei herausgekommen, nun behauptet Achternbusch, er mache nie wieder einen: «Ich hab kein Geld, mir fällt nix ein und dann diese ganze Schinderei immerfort!» Vor einiger Zeit habe er den Gerhard Schröder im Weißen Bräuhaus getroffen, der habe ihn gefragt, wovon er denn lebe. Ein bissl was geht immer, hat Achternbusch ihn aufgeklärt und dem Kanzler noch einen Spruch an die Hand gegeben: «Die CSU hat sich an der Befreiung des Menschen beteiligt wie der Orang-Utan an der Erfindung von Käfigen.» Das hat ihn bestimmt gefreut, den Schröder.
Es ist Zeit zum Aufbruch. Um 19.41 Uhr geht von Freistadt aus ein Zug nach Linz. Achternbusch fährt seinen Besuch in einem klapprigen Mercedes 280 CE zum Bahnhof. Die Tür zum Hof lässt er offen. «Das Haus schützt sich selber», sagt er. «Das ist den Leuten viel zu fremdartig.» Im Auto legt er Fado-Musik auf, «die Musik, die man hören soll, wenn man den Kopf auf die Bahngleise legt». Trübsinn blasen kann ein Achternbusch sicher sehr gut. Aber im Moment ist er munter und schwärmt von seinem Naomi-Kind. Es freut ihn, dass die Tochter mit ihren elf Jahren schon so schlagfertig ist. «Die hat so was Wuides wie mei Fantasie.»
Es ist befremdlich, nach einem Ausflug in Achternbuschs Reich der Fantasie wieder in die Bahnhofswirklichkeit einzutauchen, in Linz auf den späten Orientexpress zu warten und mit diesem heim nach München zu zuckeln. Im Zug schläft die Journalistin ein und träumt von Eseln. Als sie aufwacht, ist sie kurz vor Augsburg und hat München längst verpasst. Es ist zwei Uhr morgens. Auf ihrer Jeans sind rotbraune Farbspritzer zurückgeblieben.
Weber-Folgen
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