Dortmund Theater
Berlioz, nicht der Komponist, sondern der Redakteur und Kritiker gleichen Namens, verliert seinen Kopf auf Seite 61 des Romans und nach etwa zwanzig Minuten auf der Bühne. Diesen kostbaren Kopf, in dem so viel Bedenkenswertes gedacht wurde, muss der Kritiker, wie der Bulgakow-Leser weiß, dem modernen Straßenverkehr opfern, der auch im kommunistischen Moskau der dreißiger Jahre vor dem Geist nicht Halt macht.
Oder sollte man doch lieber, wie der rätselhafte deutsche Professor Voland (alias Satan) es prognostisch empfahl, das von einer gewissen Anuschka verschüttete Sonnenblumenöl, auf dem Berlioz ausrutscht, für den jähen Tod des Intellektuellen verantwortlich machen?
Wie dem auch sei, die ersten 20 Minuten vergehen in Dortmund recht langsam. Allzu hölzern und popanzmäßig stehen bzw. sitzen Berlioz und der Lyriker Besdomny auf der Vorbühne herum, und man merkt deutlich, dass den Regisseur Kay Voges, der auch die Spielfassung geschrieben hat, weniger der Disput zwischen den beiden Literaten interessiert als das Spektakel, das alsbald anhebt. Wenn nämlich der magische Kubus zu rotieren beginnt, den Daniel Roskamp mit Varietétreppchen, cremefarbener Couchgarnitur, einem Klo, einer ...
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Theater heute Mai 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Martin Krumbholz
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Am Schluss verbeugen sie sich vor sich selbst und das zu Recht. Die spiegelnden Plexiglaswände des Kubus, den Annette Murschetz so eng in den Münchner Marstall eingepasst hat, dass vor den Seiten jeweils nur Platz für zwei bis drei Sitzreihen bleibt, werfen den sechs todesmutigen Schaukämpferinnen im Inneren das eigene erschöpfte und erleichterte Bild zurück. Zwei...
