Dortmund: Spätantike Dramenblüte

Alexander Kerlin nach Euripides «Elektra» (U)

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Agamemnons Tochter Elektra hält sich fit: Mit einer ausdauernden, wenn auch etwas ungelenken Körpergymnastik im coo­len schulterfreien Top trifft Caroline Hankes Vaterrächerin auf ihre overdresste Mutter Klytaimnestra (Friederike Tiefenbacher im roten Futteralkleid unterm Pelzmantel). Allerdings werfen sich die beiden Gesell­schaftsdamen neben altem Familientratsch – «du bist wie dein Vater, der elende Faschist» – vor allem politische Etiketten an den Kopf.

Die Tochter sei «Terrorist, Faschist und Kommunist in Personalunion», während die herrscherliche Mutter angeblich Freiheit und Wohlstand als Diktatur praktiziert.

Seltsame staatspolitische Verhältnisse entwirft Alexander Kerlin in seiner aktuell gemeinten Neufassung von Euripides’ «Elektra», die im anschwellenden Redestrom zusammenbehauptet, was nicht mal unter chinesischen Verhältnissen zusammen funktioniert. Entsprechend läuft der Plot bald aus dem antiken Ruder. Zwar wird noch Klytaimnestra von ihrer rebellischen Tochter für ihren Mord an Agamemnon nach längerem Beschimpfungsaustausch ausdauernd erwürgt, aber schon Orest kommt nicht mehr zum Zug. Nach weit fortgeschrittenem, aber dann doch abrupt abgebrochenem ...

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Theater heute April 2015
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Franz Wille

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