Doras hermetische Welt
Natürlich ist ein behindertes Mädchen, das als Tor zur Welt gerade das «Ficken» entdeckt hat, eine Überforderung für ihre Umgebung. Vor allem, wenn sie sich weigert, die Pille zu nehmen. Das ist in Gießen auch nicht anders als in Basel, Stuttgart oder Hamburg. Solange Dora Psychopharmaka bekommt, thront sie stumpf auf einem Stapel Metallkoffer, stiert ins Leere und zieht ihren Kaugummi lang.
Auf Fragen antwortet sie nicht viel mehr als: «Weiß nicht!» Nur ihr Lied, von dem keiner weiß, wo sie es her hat, vermittelt eine Ahnung davon, dass sie ein zwar stillgestelltes, aber tiefes Wasser ist.
Doras Welt ist übersichtlich. Der Bühnenbildner Lukas Noll hat für die Inszenierung von Lukas Bärfuss’ «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» am Gießener Stadttheater die Schauplätze tableauartig auf und vor die Drehbühne gruppiert und ebenso real wie minimal ausgestattet. «Zu Hause» steht Doras Bett mit Plüschfrosch und ein Bügelbrett, an dem der immer ernste Vater (Christian Lugerth) sich als Hausmann versucht; «im Hotel» noch ein Bett, größer diesmal, eine Spielwiese; «am Gemüsestand» Kisten mit echten Äpfeln, Chinakohl und Salat. Die stets aus dem Off angekündigten Szenenwechsel vollziehen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Autoren und Schauspieler mögen Monologe, weil es darin keine Widerrede gibt. Die Theater schätzen Soloabende, weil sie billig und leicht zu disponieren sind. Der Zuschauer aber bezahlt nicht selten den vollen Preis für eine halbe Sache. Entweder der Monolog verweigert sich dem Theater – was auf der Bühne häufig eine Überdosis «Kunst» zur Folge hat. Oder der Monolog...
Ein Leben in Kontoauszügen? Barabhebung an Geldautomaten zeigen das Cash-Level, die Höhe der Telekom-Rechnungen lässt auf gewerbliche Nutzung des Hausanschlusses schließen, Zeitschriften-Abos verweisen auf den beruflichen oder gesellschaftlichen Horizont, der eher bescheidene Beitrag bei der Künstlersozialkasse muss dem nicht entsprechen – auf der anderen Seite...
Würden sich die britischen Theatermacher etwas besser mit deutschen Klassikerzitaten auskennen, hätten sie ihrem Kultusministerium jetzt ein glorreich Goethesches «Am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!» entgegenschmettern können. Statt Gretchenklage wurden andere verbale Fäuste geschüttelt in einer ungewöhnlich lauten öffentlichen Debatte um den kommenden...
