Doppelt verurteilt
«Städtisches Wohnen im Grünen / Mit S-Bahn-Anschluss und Zugang zum See» – was will man mehr? Gerhart Hauptmann hat mit «Einsame Menschen» den Traum geplagter Hauptstädter schon vor 100 Jahren gut erkannt, und Felicia Zeller bringt in ihrer Überschreibung die mittlerweile renovierungsbedürftige Villa in Erkner (zwischen Dämeritzsee, Flakensee und Wupatzsee an der kleinen Löcknitz) auf heutigen Hochglanz.
Die glücklich schwangere Toparchitektin Marie mit mittelschwerer Erbschaft will das verblasste Juwel für die gerade anwachsende Familie unter Nutzung von Fördergeldern zum halböffentlichen Coworking-Space ausbauen. Mit dabei Lebensgefährte Gerhart, seines Zeichens ewiger Student, der schon seit unzähligen Semestern an seiner Dissertation in «angewandter Tiersoziologie» bosselt, und sein alter Freund Bölsche vom «Institut für Nachhaltigkeit». Als erste Coworkerin hat sich Margarete angemeldet, Jobdescription: hochkreative Titeltexterin für diverse Medien von der Sorte «Der Amazonas brennt». Ergänzend spukt auch noch Gerharts Mutter Erika durchs Gebäude, diplomierte Heilgymnastin nach der «Rugel-Methode», irgendwas Gesundes mit großen Bällen.
Leider verrutscht die Idylle schnell in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2023
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Franz Wille
Die Tür klemmt, fliegt dann mit einem Ruck auf, ein Knäuel Personen poltert in die leere Altbauwohnung, die Letzte bleibt mit ihrer Handtasche am Türknauf hängen. Huch! In der ersten Sekunde ist eigentlich alles klar über diesen Abend, «Der Haken», uraufgeführt am Schauspiel Bonn in der Regie von Roland Riebeling: Schauspielerisch sind alle ständig etwas drüber,...
Beinahe wäre ich Intendantin vom Thalia Theater geworden. Man spricht in unserer Branche ja nicht gerne übers Verlieren. Beinahe etwas werden bedeutet ja, es nicht geworden zu sein. Es ist also bedeutungslos, aber in diesem Fall doch bemerkenswert. Bemerkenswert deshalb, weil eine Frau die neue Intendantin des Thalia Theaters geworden ist. Zum ersten Mal in der...
Traut sitzt die Familie vorm Fernseher. Die Gesichter im «geschmackvoll ausgeleuchtet(en)» Wohnzimmer illuminiert «wie auf einem Gemälde von Bellini», erwartet sie den Ehemann beziehungsweise Vater – Jan – auf dem Flatscreen, und zwar in seiner Premierenrolle als Boulevardmoderator: Kathrin mit entsprechender Gattinnen-Nervosität («Wie würde ihr Mann sich...
