Die Wurzeln der Innigkeit
Dieser Mann muss sich mit der Kneifzange rasieren. Zu viele Hormone. Schnurrbart ist kein Wort für den borstigen Oberlippen-Propeller im zarten Gesicht des Jens Harzer. Jack Nicholson spielte einst in Roman Polanskis «Chinatown» den halben Film mit einem Nasenpflaster im Gesicht, und schon dieser Fremdkörper war eine Zumutung. So ähnlich müsste es doch Harzer mit dem angeklebten Bart gehen, den er als Provinz-Casanova Astrow in Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows «Onkel Wanja» vor sich her trägt.
Könnte es sich bei diesem bösen Masken-Scherz um einen Sabotage-Akt seitens der Regie gehandelt haben? Oder um eine erzieherische Maßnahme? Wollte Gosch, dieser erfahrene Theater-Behaviourist, einem Schauspieler wie Harzer, der so viel und vielleicht zu viel kann, einen Widerstand entgegensetzen? Hielt Gosch es für richtig, einem, der zum Virtuosentum neigt, zum Höhenflug und also auch zum Bodenlosen, ein paar Steine in die Jackentasche zu stecken, um es ihm schwerer zu machen und vielleicht gerade dadurch leichter?
Scheuer Mensch im Umbruch
Ehe sich im Kopf des Beobachters die paranoiden Hirngespinste verfestigen, nimmt einem Jens Harzer mit seiner sanften, sehrenden Stimme und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Die Schauspieler des Jahres, Seite 106
von Christopher Schmidt
Die Schneiderei, die Nebenspielstätte des Schauspielhauses, ist ein Raum mit vielen Fenstern zur Porzellangasse, in den durch die morsche Doppelverglasung der Lärm der Stadt dringt. Ewald Palmetshofer, der Hausautor des Schauspielhauses, sitzt hier, neuerdings täglich, um zu schreiben. Die Schneiderei, mit Hans Gratzers altem Schreibtisch aufgerüstet, ist sein...
Willkommen zum Talentetag. Wenn man vor so talentierten Menschen sprechen soll, ist das eine beängstigende Ehre.
Mein Name ist Simon Stephens. Ich bin Dramatiker. Ich werde heute Vormittag über Talent reden. Darüber, was dieses Wort bedeutet. Was das für eine Eigenschaft ist. Und woher sie kommt. Weil ich Dramatiker bin, kann es gut sein, dass mein Vortrag auf...
Kein Wort. Nichts. Ich weiß um meine Rechte. Und deshalb sage ich ohne meinen Anwalt gar nichts.» Die ersten Worte des bekannten Schauspielers Jan Friedberg zeigen: Etwas ist schief gegangen. In Thomas Jonigks neuem Stück «Donna Davison» dreht eine Regisseurin einen pornografischen Kunstfilm. Der Inhalt ist simpel: Ein berühmter Schauspieler und eine...
