Die Wurzeln der Innigkeit
Dieser Mann muss sich mit der Kneifzange rasieren. Zu viele Hormone. Schnurrbart ist kein Wort für den borstigen Oberlippen-Propeller im zarten Gesicht des Jens Harzer. Jack Nicholson spielte einst in Roman Polanskis «Chinatown» den halben Film mit einem Nasenpflaster im Gesicht, und schon dieser Fremdkörper war eine Zumutung. So ähnlich müsste es doch Harzer mit dem angeklebten Bart gehen, den er als Provinz-Casanova Astrow in Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows «Onkel Wanja» vor sich her trägt.
Könnte es sich bei diesem bösen Masken-Scherz um einen Sabotage-Akt seitens der Regie gehandelt haben? Oder um eine erzieherische Maßnahme? Wollte Gosch, dieser erfahrene Theater-Behaviourist, einem Schauspieler wie Harzer, der so viel und vielleicht zu viel kann, einen Widerstand entgegensetzen? Hielt Gosch es für richtig, einem, der zum Virtuosentum neigt, zum Höhenflug und also auch zum Bodenlosen, ein paar Steine in die Jackentasche zu stecken, um es ihm schwerer zu machen und vielleicht gerade dadurch leichter?
Scheuer Mensch im Umbruch
Ehe sich im Kopf des Beobachters die paranoiden Hirngespinste verfestigen, nimmt einem Jens Harzer mit seiner sanften, sehrenden Stimme und ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Die Schauspieler des Jahres, Seite 106
von Christopher Schmidt
In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 feierten auf Schloss Rechnitz, das unmittelbar an der österreichischen Grenze zu Ungarn liegt, SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Getreue des Nazi-Regimes ein «Gefolgschaftsfest», auf dem getanzt und getrunken wurde und in dessen Verlauf fast zweihundert arbeitsunfähige oder geschwächte jüdische Zwangsarbeiter...
Zu den Frankfurtern und Frankfurt, wo Anne Müller seit fast drei Jahren lebt und Theater spielt, hat sie eine Theorie: zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Deshalb wird so in die Höhe gebaut, sind die Bürgersteige so schmal, die Straßen so eng. «Das macht die Menschen hier so, wie sie sind. Es geht gar nicht ohne Rempeln. Man darf das nicht persönlich nehmen,...
Wenn man Ulrich Matthes morgens nach dem Wetter fragt, hat er schon drei Zeitungen gelesen, berichtet Bernd Wilms.
Jens Harzer streicht nach jedem Satz über die Wirtshaustischplatte, als müsse er ein paar innere Wogen glätten, ohne dass man erfährt, woher der Wind weht. Hat Christopher Schmidt beobachtet.
Constanze Becker habe so eine Art Ur-Instinkt gegen jegliche...
