Die Wurzelgrabung
In Fjodor Dostojewskis 1866 erschienenem Roman «Schuld und Sühne» begeht der Jurastudent Raskolnikow einen politisch motivierten Mord, dessen krude Gedankenbasis uns Kindern des 20. und 21. Jahrhunderts leider vertrauter ist, als wir das gern hätten. Intellektuell hochbegabt, aber ökonomisch unterprivilegiert, wird Raskolnikow in seiner ärmlich-abgerockten Behausung in Sankt Petersburg bekanntlich von terroristischem Gedankengut befallen und beginnt, im irrigen Dienste eines höheren Menschenideals, berechtigte von unberechtigten Humanexistenzen zu unterscheiden.
Um das «lebenswerte» Leben zu erhalten und zu pushen, sei die Vernichtung des «lebensunwerten» – so Raskolnikows eigentümliches Theorem – den «großen Menschen» unter dieser Sonne mindestens erlaubt, wenn nicht sogar aufgegeben.
Die alte Pfandleiherin Aljona Iwanowna, bei der der junge Mann hoch verschuldet ist und die ihn zu Beginn des Romans (offenkundig wiederholt) demütigt, indem sie über seine schweren Herzens dargereichte Silberuhr die Nase rümpft, gehört in dieser Verhältnisgleichung freilich zur letzteren Kategorie: Raskolnikow klassifiziert die Kopekenfuchserin als «Laus», von deren Tod die Menschheit nur ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Christine Wahl
Die Spielplandramaturgie war klassisch: save the best for last. Zum Saisonschluss und Ende ihrer Intendanz programmierte Barbara Frey nochmal zwei der prägendsten Handschriften ihrer Zürcher Jahre: zunächst im Schiffbau Karin Henkel, die viele große Abende in Zürich inszeniert hat, mit Thomas Mann; tags darauf sie selbst mit James Joyce.
«Die Toten», «Der...
Am Anfang war: ER. Der Mensch als Maß aller Dinge, damit er über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und alle wilden Tiere und über alle Kreaturen, die sich über den Boden bewegen, herrschen konnte.
Er trennte sich vom Tanzen und Rezitieren des griechischen Chorus und sprach: «ICH» – die Geburt des tragischen Helden. Von dort ging er hinaus...
Wie Premierminister Viktor Orbán in einer Rede im vergangenen Sommer stolz betonte, ist das Theater eine der populärsten Kunstformen in Ungarn. Nach jüngsten Statistiken wurden in dem Land mit zehn Millionen Einwohnern fast acht Millionen Tickets verkauft; im Jahr 2010 waren es nur 4,4 Millionen. Es ist allgemeiner Konsens, dass die Einführung einer neuen Steuer...
