Die Wahrheit der Zeitzeugen
Warum sollen wir ausgerechnet jetzt über historische Verantwortung sprechen, da Russland einen Teil der Ukraine überfallen und besetzt hat, da die Brexit-Verhandlungen begonnen haben, da überall in Europa Wahlen stattfinden, bei denen die Populisten nach der Macht streben, da die Verfassungsordnung der Vereinigten Staaten von innen bedroht ist?», fragte der Historiker und Yale-Professor Timothy Snyder in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 20. Juni 2017. Ja, warum?
Am 20.
Juni 1941 erteilt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Komponisten Norbert Schultze und Herms Nil den Auftrag, das «Lied vom Feldzug im Osten» zu vertonen und dabei Franz Liszts «Les Préludes» einzuarbeiten − auf ausdrücklichen Wunsch des «Führers». Ungefähr zur gleichen Zeit steht Oberstleutnant Gerhard Kegler im Aufmarschgebiet an der Ostfront und informiert die Kommandeure des 27. Infanterieregiments über die «außergewöhnlichen Vorsichtsmaßnahmen und Vollmachten», die der unmittelbar bevorstehende «ausgesprochenste Weltanschauungskrieg» erfordere: Der «Vernichtungskampf» mache die «Anwendung brutalster Gewalt nötig», darunter auch «kollektive Gewaltmaßnahmen» gegen ganze Ortschaften. Am 22. ...
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Theater heute März 2018
Rubrik: International, Seite 36
von Anja Quickert
Sie beharren beide auf ihrem formalen Recht und verlieren sich in ihren Rachefeldzügen. Die Rezeption des Shylock, Shakespeares jüdischem Pfandleiher, der dem Kaufmann von Venedig Antonio ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden will, befindet sich dabei spätestens seit der Indienstnahme des Stücks für den nationalsozialistischen Antisemitismus auf heiklem...
Eine Superposition bezeichnet in der Physik die Überlagerung gleicher physikalischer Größen, wobei sich jene nicht gegenseitig behindern. Was für den physikalisch durchschnittlich bewanderten Theaterbesucher mehr oder weniger unverständlich ist – man versteht vor allem, dass man nichts versteht. Dieses Nichtverstehen ist die Basis von Alexander Giesches theatraler...
Aua, das tut doch weh! Florentina Holzinger steht in ihrer jüngsten Arbeit «Apollon» nackt an der Rampe und haut sich mit dem Hammer einen acht Zentimeter langen Nagel in die Nase. Ihre Kollegin Evelyn Frantti, ebenfalls nackt, schiebt sich einen beunruhigend langen Luftballon in den Schlund, der durch den Körper zu wandern scheint. Sie zieht die leere Hülle aus...
