Castorf goes BE: Stefanie Reinsperger (Madame Thénardie), Valery Tscheplanowa (Fantine) und Aljoscha Stadelmann (Monsieur Thénardie) in Victor Hugos «Les Misérables»; Foto: Matthias Horn
Die Wahrheit der Kloaken
Les Misérables» – die «Elenden» – beginnen standesgemäß ganz unten: Zum Auftakt von Frank Castorfs Victor-Hugo-Version am Berliner Ensemble, seiner ersten hauptstädtischen Romandurchquerung seit dem unfreiwilligen Intendanz-Ende an der Volksbühne, philosophiert sich Jürgen Holtz durchs Pariser Kloakensystem. Es ist eine Art Wirtschafts-, Sozial- und – wenn man so will – auch Geistesgeschichte der (globalen) Scheiße, die der 85-jährige Schauspieler hier bis in die verwinkeltste Komplexitätsfalte hinein aufwühlt.
«Die Wahrheit der Kloaken gefällt uns, denn sie beruhigt unser Gemüt»: Solche kanalisatorischen Gänge in die Tiefe (die in der üppig ausgreifenden Textgrundlage des Abends selbstverständlich eine Seitenzahl im lockeren zweistelligen Bereich einnehmen), spricht Holtz, als handele sich um unhintergehbare Existenzaxiome der Herren Kant und Hegel aufwärts: mit einer aufgrund der Unabänderlichkeit des Faktums geradezu heiteren Gelassenheit bei gleichzeitiger hyperanalytischer Gedankenschärfe. Mit seinem Unterwelt-Monolog legt Holtz sicher einen der maßgeblichsten Auftritte der bisherigen Saison hin (und am Berliner Ensemble seit dem Intendanzstart von Oliver Reese im Herbst ...
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Theater heute Februar 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christine Wahl
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