Die Puppe in der Puppe in der Puppe
Es ist eins der bestechendsten Kapitel in Michail Bulgakows Kultroman «Der Meister und Margarita»: Woland, der deutsche Teufel auf Besuch in Moskau, hat es mit seiner Entourage bis auf die Bühne des Varieté-Theaters geschafft, um dort seine Schwarze Magie zu zelebrieren. Er lässt Geldscheine vom Himmel regnen, die sich die Pu -blikumssozialisten gierig aus den Händen reißen, und lädt zum Kleidertausch ein: Guerlain, Chanel, Abendroben, Cocktailkleider gegen das biedere Stalin-Grau im Parkett. Die Frauen stürzen sich auf die Bühne und verwandeln sich in sexy Kapitalistinnen.
Michael Lokshin, der in Russland aufgewachsene amerikanische Regisseur, der sich dezidiert gegen Putins Kriegsführung zu Wort gemeldet hat, setzt dieser unterhaltsamen Entlarvung der Conditio humana noch ein kleines Hütchen auf:
Er schickt auch einen Mann auf die Bühne, der sich in ein schulterfreies Abendkleid wirft. Es sind diese kleinen Erweiterungen, mit denen Lokshin seinen in einem imaginären Moskau unter sozialistischer Diktatur spielenden Film in die Echokammern des homophoben Putin-Russlands transportiert.
Bulgakow schrieb seinen Regime-kritischen Roman zwischen 1928 bis zu seinem Tod 1940, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Barbara Burckhardt
Ist die Realsatire, mit der die US-Regierung neuerdings die Welt in Atem hält, auf der Bühne komödiantisch zu toppen? Am Mannheimer Nationaltheater gelingt das jetzt. Da hat Christian Weise Selina Fillingers «Die Schattenpräsidentinnen» auf die Bühne gebracht. Das Stück ist 2022 erfolgreich am Broadway uraufgeführt worden – ein bissiger, sitcomartiger Text, eine...
Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht und scheint es auch auf den letzten Metern nicht mehr geworden zu sein zwischen Claudia Bauer, kampferprobte Hausregisseurin am Münchner Residenztheater, und dem Männerstück «Warten auf Godot», in dem die beiden Tramps Wladimir und Estragon zusammen mit dem Sklaventreiber Pozzo und seinem Diener Lucky die ganze...
In einem kurzen Dialog ihres 1971 erschienenen Romans «Gift» (in Deutschland unter dem Titel «Abhängigkeit» erschienen) bringt Tove Ditlevsen das Grundproblem autofiktionalen Schreibens auf den Punkt. Das sei doch überhaupt keine Literatur, sie schreibe ja nur auf, was ohnehin offensichtlich sei. Im 1975 erschie -nenen Roman «Vilhelms Zimmer» (jüngst von Ursel...
