Die Menschheit in 90 Minuten

Tankred Dorst «Parzival»

Theater heute - Logo

Am reinen Toren Parzival hat Tankred Dorst einen Narren gefressen. Immer wieder hat er sich mit dem mittelalterlichen Anti-Helden beschäftigt, unter anderem in «Merlin» und der Erzählung «Der nackte Mann». 1987 schließlich hat Dorst für eine Robert-Wilson-Inszenierung am Thalia Theater ein «Parzival»-Szenarium geliefert, das «nicht als festgefügtes Stück, sondern eher als szenische Annäherung an eine mythische Figur verstanden werden will» (Ursula Ehler).

Die offene Sammlung aus Prosatexten und Szenen, die der Fabel nur skizzenhaft folgt, war nun auch Basis für David Böschs Inszenierung im Akademietheater, die mit Dorsts Vorlage ebenso kursorisch umgeht wie diese mit dem Mythos.

Einen Monolog, in dem «ein Herr» nach dem Ende der Welt die Geschichte eines «erloschenen Zwergplaneten» namens Erde zusammenfasst, stellt Bösch an den Anfang, und er legt sie dem Teufel (Dietmar König) in den Mund. Es geht also ums Ganze, Parzival steht hier für die Menschheit. Das dürfte zwar durchaus in Dorsts Sinn sein, ist für den 90 Minuten kurzen Abend aber eine allzu steile Vorlage – und eh nicht so ernst gemeint. Bösch wollte offenbar nur ein bisschen spielen.

Lucas Gregorowicz als sehr kindlicher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August-September 2014
Rubrik: Chronik: Wien, Burgtheater, Seite 69
von Wolfgang Kralicek

Weitere Beiträge
Lieber tot als Theater

Dass man seine eigene Beerdigung nicht mit­erleben muss, scheint angesichts Thomas Melles «Nicht nichts» ein großer Glücksfall. Der Trauergemeinschaft, die sich in Maria Viktoria Linkes Inszenierung am bühnenfüllenden Grab der Dramatikerin Carolyn Gratzky zusammengefunden hat, begegnet man lieber tot. Statt Trauer verbindet sie nichts als das Schwarz ihrer...

Hohe Auflösung

Erste Szene.
Ungebetene Gäste


Ein großes Zimmer, vom Boden bis zur Decke und von der Wand bis zum Fenster vollgestopft mit allem möglichen Krempel. Hinten links ist der Flur mit einem großen Kleiderschrank und der Wohnungstür zu sehen. Rechts ein Fenster mit zugezogenen Vorhängen, weiter hinten die Tür zum Nachbarzimmer. Bücherregale, aufeinandergestellte...

Die ersten 600 Tage

Als Matthias Lilienthal im Sommer 2012 mit einem launigen Theater-Parcours auf dem Tempelhofer Feld und einer dramatischen 24-Stunden-Bustour durch alte Westberliner Architektur-(Sünden-)Highlights seinen Ausstand als Intendant des Kreuzberger Theaterkombinats HAU gab, klang es in der Hauptstadtpresse ein bisschen so, als könne der Freie-Szene-Hort nach ihm...