Die Kunst, vernünftig Unsinn zu reden
Sie erwarten jetzt vermutlich Haltung und Vernunft – gestatten Sie mir den Spaß, stattdessen mit ein wenig Unsinn zu beginnen und hoffentlich auch zu enden. Denn genau darum geht es: um die ernsthafte Notwendigkeit von Unsinn. Bleiben Sie dran, es könnte lustig werden mit uns. Oder ernst. Wahrscheinlich beides gleichzeitig. Aber wo waren wir? Ach ja, bei uns – oder besser gesagt beim «Wir». Ich habe nämlich ein Problem: Sobald ich es benutze, höre ich innerlich Stimmen, die fragen: Wen genau meinst du jetzt? Mich etwa auch? Oder gar nicht? Dabei mochte ich «Wir» immer gern.
Früher, da war «Wir» einfach wir. Wir gegen Nazis, gegen Unrecht, gegen Schlechtwetter. Heute ist hinter jedem «Wir» ein unsichtbares Fragezeichen. «Wir» ist ein Wort, das ich kaum mehr aussprechen kann, ohne mich verdächtig zu fühlen.
Vielleicht ist Haltung schuld. Haltung soll ich haben, Haltung zeigen, und bitte schön eindeutig. Aber Haltung macht mich nervös. Kaum positioniere ich mich, fühlt sich jemand ausgeschlossen oder falsch eingeschlossen. Ich habe den Eindruck, Haltung funktioniert heute nur noch, wenn sie mit empörter Stimme und erhobenem Zeigefinger daherkommt. Und ehrlich gesagt: Dazu bin ich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Emre Akal
In einem kurzen Dialog ihres 1971 erschienenen Romans «Gift» (in Deutschland unter dem Titel «Abhängigkeit» erschienen) bringt Tove Ditlevsen das Grundproblem autofiktionalen Schreibens auf den Punkt. Das sei doch überhaupt keine Literatur, sie schreibe ja nur auf, was ohnehin offensichtlich sei. Im 1975 erschie -nenen Roman «Vilhelms Zimmer» (jüngst von Ursel...
«Zu einem cup of tea würd’ ich nicht Näin sagen», setzt Dominik Dos-Reis als der Landluftbegeisterte (Wiener Neu-)Städter Lockwood den Ton für den Abend: beiläufig witzig, jugendlich, entspannte Spielhaltung und bei alldem politisch reflektiert. Zugleich wirkt Claudia Bossards Bühnenfassung von «Wuthering Heights» stellenweise, als würden Menschen von heute ihre...
Mangelnde Voraussicht ist Lars Werner nicht vorzuwerfen. Sein schon vor einem Jahr beim Heidelberger Stückemarkt vorgestelltes Stück «Die ersten hundert Tage» spielt durch, was in Deutschland passiert, wenn eine extreme Rechte an die Regierung kommt. Zuallererst – siehe der Stücktitel – geht es gegen LGBTQ+, Diversity, Migranten, Linke, die einschlägig...
