Die Kunst, vernünftig Unsinn zu reden

Kolumne

Theater heute - Logo

Sie erwarten jetzt vermutlich Haltung und Vernunft – gestatten Sie mir den Spaß, stattdessen mit ein wenig Unsinn zu beginnen und hoffentlich auch zu enden. Denn genau darum geht es: um die ernsthafte Notwendigkeit von Unsinn. Bleiben Sie dran, es könnte lustig werden mit uns. Oder ernst. Wahrscheinlich beides gleichzeitig. Aber wo waren wir? Ach ja, bei uns – oder besser gesagt beim «Wir». Ich habe nämlich ein Problem: Sobald ich es benutze, höre ich innerlich Stimmen, die fragen: Wen genau meinst du jetzt? Mich etwa auch? Oder gar nicht? Dabei mochte ich «Wir» immer gern.

Früher, da war «Wir» einfach wir. Wir gegen Nazis, gegen Unrecht, gegen Schlechtwetter. Heute ist hinter jedem «Wir» ein unsichtbares Fragezeichen. «Wir» ist ein Wort, das ich kaum mehr aussprechen kann, ohne mich verdächtig zu fühlen.

Vielleicht ist Haltung schuld. Haltung soll ich haben, Haltung zeigen, und bitte schön eindeutig. Aber Haltung macht mich nervös. Kaum positioniere ich mich, fühlt sich jemand ausgeschlossen oder falsch eingeschlossen. Ich habe den Eindruck, Haltung funktioniert heute nur noch, wenn sie mit empörter Stimme und erhobenem Zeigefinger daherkommt. Und ehrlich gesagt: Dazu bin ich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Emre Akal

Weitere Beiträge
Alle meine Monster

Wachsfiguren haben viele Vorteile. Sie sind nicht gewalttätig, laufen nicht weg, halten den Mund und machen keine Fehler. Sie sehen einfach nur aus, bestenfalls wie jemand, den oder die alle schon x-mal gesehen haben. Gut, das klingt etwas langweilig, aber ist Langeweile in diesen aufregenden Zeiten nicht ziemlich sexy? Anna Viebrock hat eine Reihe solcher...

Der Dichter als Schwein

Als die Schwedische Akademie anruft, ist Jacob McNeal gerade bei seiner Internistin. Das ist ein Glück, denn die Nachricht, dass er den Literaturnobelpreis gewonnen hat, hätte er sonst womöglich nicht überlebt. Er zittert am ganzen Körper, beginnt zu hyperventilieren und beruhigt sich erst, nachdem die Ärztin Erste Hilfe geleistet hat.

In der nächsten Szene ist der...

Ein Tag im Oval Office

Ist die Realsatire, mit der die US-Regierung neuerdings die Welt in Atem hält, auf der Bühne komödiantisch zu toppen? Am Mannheimer Nationaltheater gelingt das jetzt. Da hat Christian Weise Selina Fillingers «Die Schattenpräsidentinnen» auf die Bühne gebracht. Das Stück ist 2022 erfolgreich am Broadway uraufgeführt worden – ein bissiger, sitcomartiger Text, eine...