Der Weg ins Dunkel und der Weg ins Licht
Monotones, dumpfes Wummern, schier endloses, auf- und abschwellendes Gebrumm, bevor der Vorhang sich öffnet, soll die Zuschauer schon vorab in die Verzweiflung treiben, die in Iwanows Kopf dröhnt. Dann auf der Bühne, ein Zimmerfragment: Stuhl, Tisch, Heizkörper (wir sind im kalten Russland), Neonlicht. Ein Mann bewegungslos im knöchellangen schwarzen Wintermantel mit roter Wollmütze und Buch am Tisch. Sein Puppendouble liegt schon leblos wie erschlagen, mit Strumpfmaske entindividualisiert, unter dem Tisch.
Eine weiß gekleidete Frau, schön wie eine Engelserscheinung, wirft sich liebkosend auf die Puppe. Der Mann auf dem Stuhl steht auf und schlurft auf die andere Seite der Bühne in einen Herrgottswinkel für kunstreligiös Gläubige mit Votivbildchen, einer Büste (Tschechow, Puschkin?), einer brennenden Kerze (Bühne: Rocco Peuker).
Iwanows Krankheit ist Bewusstseinsverdopplung, nicht -spaltung. Er steckt im Morast der Selbstbeobachtung, ein lähmendes Zuviel der Distanz zu sich selbst. Ein Experte seiner Schuld. Alle sehen in ihm den trickreichen, geldgierigen Betrüger, den perfiden Mitgiftjäger. Er selbst sieht bei sich eine ganz andere Schuld: seine Passivität, seine sich selbst ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Gerhard Preußer
Strahlend, freundlich, hell ist hier alles, eine Utopie scheint wahr geworden. Schwere Leiden und Schmerzen gibt es nicht mehr, Traurigkeit ist überflüssig. Doch die Leichtigkeit und Schönheit des Science-Fiction-Szenarios von Konstantin Küspert entzaubert sich, wenn man zu ahnen beginnt, was hier eigentlich abgeht.
Die Lebensfreude basiert auf einer Art Neufassung...
In Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Brecht-Inszenierung vom «Untergang des Egoisten Johann Fatzer» am Berliner Deutschen Theater gibt es eine (Video-)Szene, in der Andreas Döhler als Fatzer über die Warschauer Brücke irrlichtert. Der Schauspieler – seit acht Jahren Ensemblemitglied am DT – attackiert dort in einer erfrischend aggressiven Mischung aus...
Die Mädchen fassen sich zwischen die Beine. Sie stöhnen und bäumen sich auf, sie winden sich und zerren an ihren leichten Sommerkleidern. Die Lust, die sie durchfährt, ist in der Eröffnungsszene dieser «Hexenjagd» am Wiener Burgtheater aber auch ein Todeskampf. Die Röcke und Blusen eignen sich hervorragend, um sich selbst zu strangulieren.
Die Masturbationsszene,...
