Der künstlerische Widerstand

Unter der neuen ultrarechten slowakischen Regierung wechselt die Kulturministerin künstlerische Leitungen aus – weil das Theater kritisch auf die «kleine Nation» blickt

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Die Kultur ist der Bereich, in dem die neue, ultrarechte Politik des slowakischen Premierministers Robert Fico die «größten Erfolge» erzielt. Die Kulturministerin Martina Šimkovicová, eine ehemalige Journalistin, die wegen ihrer homophoben und einwanderungsfeindlichen Äußerungen vom Privatfernsehsender Markíza entlassen wurde, erntet die Lorbeeren für diese «Ergebnisse». Homophobie ist nicht nur ihre «Jugendsünde» aus der Zeit, als die Ministerin noch nicht in der Politik tätig war.

Sie dominiert nach wie vor die Äußerungen der Ministerin und beeinflusst wahrscheinlich auch ihre politischen Entscheidungen. Das Institut für Menschenrechte hat kürzlich ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet wegen einer Äußerung, in der Homophobie mit Rassismus durchsetzt ist: «Europa stirbt, Kinder werden nicht geboren wegen LGBTQI, und es ist interessant, dass dies nur der weißen Ethnie passiert.»

Ihre Effizienz im Umgang mit politischen Dissidenten zeigte sich vor allem in der schnellen Ablösung des Direktors des Slowakischen Nationaltheaters, Matej Drlicka, mitten im Sommer, als dieser krankgeschrieben war. Buchstäblich einen Tag später wurde Aleksandra Kusá abgelöst; die Direktorin der Nationalgalerie, wie Drlicka eine Expertin mit internationalem Ruf, hatte nämlich ihren Kollegen unterstützt. Neben den beiden tauschte Šimkovicová in ihrem Blitzkrieg auch noch die Leiter der Nationalbibliothek und des Kindermuseums Bibiana und schließlich auch die des Nationalmuseums aus.

Als Hauptursache der Entlassung Drlickas nannte die Ministerin bizarrerweise den «Fall eines Kristallleuchters», der auf die Bühne des Nationaltheaters gestürzt war. Doch das war nur der ungeschickte Versuch, den eigentlichen Grund zu verschleiern. Den Worten der Ministerin zufolge hat Drlicka «die Position des Generaldirektors einer nationalen Kultureinrichtung mit politischem Aktivismus» verwechselt. Diese Bemerkung hat viel Staub aufgewirbelt. Wie der Protestbrief hervorhebt, der im Namen der Wiener Festwochen von deren Direktor Milo Rau verfasst und von Hunderten von Kulturschaffenden aus ganz Europa unterzeichnet wurde, verbirgt sich hinter der Bemerkung der Ministerin ein Angriff auf die «freie Meinungsäußerung». Drlicka erklärte, dass er als Direktor des Nationaltheaters nie als «Aktivist» aufgetreten sei, d.h. nie seine politischen Ansichten geäußert habe, dass er aber andererseits glaube, dass es die künstlerische und gesellschaftliche Rolle gerade des Nationaltheaters sei, «die blinden Flecken unserer Geschichte» aufzudecken.

«Der Hund auf der Straße»
Das Stück, das am unmittelbarsten auf diesen «blinden Fleck» hinweist und damit die rechte politische Elite der Slowakei provoziert, ist «Der Hund auf der Straße», eine Produktion des Slowakischen Nationaltheaters. Das «Problem» liegt darin, dass dieses Stück in der Inszenierung des bekannten tschechischen Regisseurs Dušan David Parízek eines der künstlerisch und gesellschaftlich bedeutendsten Stücke der Slowakei ist. Ich selbst hatte im Mai 2024 die Gelegenheit, das Stück am Rande des offiziellen Programms des Nova Drama Festivals, einem Vorzeigeprojekt des slowakischen Theaters, zu sehen.

Das Stück basiert auf dem Roman des zeitgenössischen slowakischen Schriftstellers Pavel Vilikovský (1941–2020); Parízek hat ihn selbst für die Bühne adaptiert. Wie bei einigen seiner früheren Adaptionen von Prosastoffen wurden dabei keine Figuren oder ein Plot herausgelöst, sondern der narrative Modus blieb erhalten. Das macht insofern Sinn, als «Der Hund auf der Straße» ein Roman über die «Welt der Li -teratur» und den «nationalen literarischen Kanon» ist, der in kleinen Sprachkulturen wie der slowakischen weniger aus Lyrik oder Drama, sondern vor allem aus Romanen besteht. Eine wichtige Mitarbeiterin bei der Entwicklung des Bühnentextes war die Dramaturgin Miriam Kicinová, gleichzeitig die künstlerische Leiterin der Schauspielabteilung des Nationaltheaters und eine der letzten Kämpferinnen innerhalb der Institutionen für die freie slowakische Kultur.

Der Erzähler des Romans ist ein Redakteur, der als «offizieller Slowake» an Konferenzen über Literatur und Kultur im «postkommunistischen Europa» teilnimmt. Manchmal stellt er in österreichischen Kleinstädten vor ein paar versprengten Zuhörern die slowakische Literatur vor. Er riskiert dabei, dass ein slowakischer Einwanderer mit seiner Liste kanonischer Autoren nicht einverstanden sein könnte, weil diese Auswahl als unpatriotisch angesehen werden könnte ... Der Topos «Vortrag über die Literatur in der Kleinstadt in den Alpen» weist schon auf den wichtigsten literarischen Bezug im Roman «Der Hund auf der Straße» hin: das Werk Thomas Bernhards.

Nicht nur die slowakische Literaturszene wird in Vilikovskýs Roman und Parízeks Stück mit Ironie überzogen, sondern auch das identitäre Konstrukt der «kleinen Nation». Vilikovský vergleicht sie mit einem engen, überfüllten Bus mit schlechter Luft, dessen Passagiere gewaltsam homo -genisiert werden, was sich erst auflöst, wenn sich (irgendwo im Ausland) die Türen des Busses öffnen und die Menschen frei zu atmen beginnen. Im Stück findet diese Kritik nicht nur auf einer diskursiven, sondern auch auf einer rein performativen Ebene statt. Ein Schauspieler beginnt das Publikum direkt anzusprechen, sich mitten unter sie zu mischen und dabei mit Schimpfwörtern zu belegen, die sich explizit oder implizit auf ihre slowakische Identität beziehen: «kleine Slowaken», «kommunistische Bastarde», «Bierhirne» usw.

Trauma und Gewalt bei Edouard Louis
Im Gegensatz zu den Zuschauern, die mit Beifall auf diese Verunglimpfung nicht des slowakischen Volkes selbst, sondern nationalistischer und anderer ideologischer Abweichungen reagieren, denen es im Laufe der Geschichte verfallen ist, empfinden Ministerin Šimkovicová und andere politische Führer diese Art von Kunst als «verräterisch». Das Stück «Der Hund auf der Straße» ist ein rotes Tuch für die rechte Kulturpolitik, nicht nur wegen seiner Verspottung des Nationalismus. Unter den vier ausgezeichneten Schauspielern (zu denen auch Alexander Bárta, Robert Roth und Richard Stanke gehören) sticht L’uboš Kostelný durch seine energiegeladene, wilde und «virile» Darbietung hervor: Er ist der Schauspieler, der sich auf das Publikum stürzt und es angreift. Aber er verwandelt diesen Schauspielstil ohne Karikatur und mit starker Präsenz nahtlos in eine geschlechterübergreifende Darstellung, wenn er die Rolle des Liebhabers des Helden spielt.

Die queere Ästhetik ist in diesem Kontext eine subversive Form, mit der sich das zeitgenössische slowakische Theater der orthodoxen Kulturpolitik entgegenstellt, die Ministerin Šimkovicová – erfolglos – zu fördern versucht. Sie prägt auch das Stück «Geschichte der Gewalt», das auf dem gleichnamigen Roman von Edouard Louis basiert und von der jungen Regisseurin Barbora Chovancová inszeniert wurde. Die Inszenierung gewann den Grand Prix des Festivals.

Chovancová inszeniert den Roman über die Möglichkeit, ein Trauma auszudrücken, auf metaphorische Weise. Anstatt verschiedene fiktive Charaktere zu spielen, verkörpern die vier Schauspieler:innen Alexandra Palatinusová, Marián Chalány, Tadeáš Bolo und Jakub Švec verschiedene Perspektiven auf das Trauma. Deshalb versetzte der Regisseur sie in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Martin Kubran und der Lichtdesignerin Michaela Beniac in eine Situation, in der sie ständig von einer Position zur anderen, von einer Figur zur anderen, vom Scheinwerferlicht zur Dunkelheit wechselten. So entsteht ein räumliches, atmosphärisches und dramaturgisches Schwindelgefühl, durch das man kaum eine eindeutige Haltung zum Fall einer homosexuellen Vergewaltigung einnehmen kann. Mit dem Bühnenbild von Anna Chrtková, das auf ein Fotostudio verweist, wird die Schlussszene überdies zum deutlichen Reenactment des polizeilichen Fotoshootings am Tatort.

Wie Edouard Louis andeutet, kann man kaum über ein Trauma sprechen: Es bleibt in unsere Körper eingeschrieben. Deshalb beendet Chovancová die Inszenierung mit einer nonverbalen Szene. Anstelle der realistischen Nachstellung einer Vergewaltigung inszeniert sie mit Tadeáš Bolo und Jakub Švec einen starken poetischen, abstrakten körperlichen Austausch, der gleichzeitig Liebesakt und Gewaltakt, Sex und Kampf, Kuscheln und Vergewaltigung ist. Vor allem aber unser verzweifelter, erfolgloser Versuch, dem anderen wirklich zu begegnen.

Aufführungen wie «Der Hund auf der Straße» und «Geschichte der Gewalt» sind künstlerischer Widerstand gegen die offizielle konservative und ultrarechte Kulturpolitik der Slowakei. Und sie bedürfen leider jeder erdenklichen, auch internationalen Unterstützung und des Schutzes vor Anschuldigungen, sie seien verräterisch und dekadent. Denn Drlicka hat recht, wenn er sagt, die Aufgabe des Theaters bestehe gerade darin, die blinden Flecken der Geschichte und – wie noch hinzuzufügen wäre – unserer heutigen Gesellschaften aufzudecken.


Theater heute Januar 2025
Rubrik: International, Seite 40
von Ivan Medenica

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