Der Kritiker als Regisseur
Long time ago. Es gab sie mal, die Zeiten, in denen Kritiker die heiligen Theaterhallen (in denen sogar im Parkett noch kräftig geraucht wurde) mit dem Gestus von Fürsten betraten, ihre Garderobe gleich am Eingang abgenommen bekamen, ihre Texte gut alkoho -lisiert Sekretär:innen in die Schreibmaschinentasten diktierten und mehr als auskömmlich von ihrer Arbeit leben konnten – men (es waren meist ausschließlich Männer) of power and influence, umschmeichelt, gefürchtet und gehasst.
Anand Tuckers in opulente Goldtöne getauchter Kostüm-Thriller «The Critic» führt in jene Goldenen Zeiten zurück, ins London von 1934, in ein Land im Umbruch. Die Wirtschaft kränkelt, rechte Bewegungen erstarken; der Verleger der Zeitung, für die James Erskine seit Jahrzehnten als gefeierter und gefürchteter Kritiker seine gnadenlosen Verrisse publizierte, ist gestorben. Sein Sohn, Viscount David Brooke (Mark Strong), hat die Zeitung übernommen und will ihr ein freundlicheres, konservativeres Gesicht geben.
Erskine (der britische Theaterstar Ian Mc -Kellen), der seinen extravaganten Lebensstil mit seinem deutlich jüngeren schwarzen Sekretär und Lebensgefährten Tom (Alfred Enoch) in Gefahr sieht, will ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Barbara Burckhardt
An den Münchner Kammerspielen untersuchen wir gerade vor allem die Leerstellen, die uner -zählte(n) Geschichte(n): die Gewalt-und Zerstörungsgeschichte, die Anpassungs- und Gleichschaltungsgeschichte, die spätestens Mitte der 1920er Jahre beginnt und in Exil und Tod vieler prägender Künstler:innen und Mitarbeiter:innen (einschließlich der jü -dischen...
Es regnet. Im ersten Moment, als der Vorhang über dem Haus von Orgons Familie aufgeht und ein Klavier samt Spieler neben einem von sturzbachartigen Wassermassen getrübten Panoramafenster freigibt, könnte man noch meinen, eine noble Hotellobby mit Wasserfall vor sich zu haben. Doch die wenigen Lampen flackern, und schon bald trippelt die erste Gestalt mit...
Wir» zu sagen, ist das, was mir gerade am Schwersten fällt. «Wir» als eine nicht weiter zu benennende Adresse dieses Textes, um zu wissen, an wen, an was, wohin ich mich wende, jetzt beim Sprechen. «Wir» als eine Art Anrufung, aber von wem oder was, «wir» als Hoffnung, an welches «wir» wende ich mich da überhaupt, falls «wir» überhaupt noch eine gültige Adresse...
