Der Chor und der Tod
Der Titel ist ein Euphemismus: «Die Ereignisse», von deren Folgen das neue Stück des schottischen Dramatikers David Greig handelt, sind kaltblütige Morde. Ein xenophober junger Mann, im Stück nur «der Junge» genannt, hat unter den Mitgliedern eines multikulturell besetzten Amateurchors ein Blutbad angerichtet.
Seit dem Amoklauf ist offenbar schon einige Zeit vergangen, der Täter ist inzwischen verurteilt. Für die Chorleiterin aber, die lesbische Seelsorgerin Claire, ist der Alptraum noch lange nicht vorbei.
Den Anschlag hat sie nur überlebt, weil dem Attentäter die Munition ausgegangen war. Als der Junge Claire und eine zweite Frau in ihrem Versteck aufgespürt hatte, sagte er: «Ich habe noch eine Kugel. Welche von euch beiden soll ich erschießen?» Sie haben ihm die Entscheidung nicht abgenommen und beide «mich» gesagt. Er erschoss die andere.
Kein Wunder also, dass Claire seit den Ereignissen traumatisiert ist. Die quälende Frage nach dem Warum lässt sie nicht los. Sie stellt sie ihrem Psychologen, aber der interessiert sich weniger für die Motive des Täters als für den Zustand seiner Patientin. Sie trifft den Vater des Täters, aber der ist Alkoholiker und kannte seinen Sohn ...
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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Starts/Aufführungen, Seite 28
von Wolfgang Kralicek
Huch, haben die sich verdruckt? «Christoph Schlingensief» steht in großen Lettern im Hof der Kunstwerke, und darunter nicht etwa seine Lebensdaten, sondern «1.12.13 – 19.1.14». Diese Ausstellung ist eben kein Grabstein, sondern der von Schlingensief zu Lebzeiten selbst mitinitiierte Versuch, das umfangreiche, abenteuerliche Werk des 2010 gestorbenen Regisseurs...
Der junge Mann ist wie aus dem Ei gepellt. Blütenweißer Anzug, einen Knopf zu weit geöffnetes Hemd, ein Hauch von Glanz am federnden Hosenbein. Die Zeiten der körperlichen Arbeit sind vorbei. Wo die türkischen Väter noch Paletten vom Großmarkt in den Gemüseladen schleppten, deklamieren die postmigrantischen Söhne zum spöttischen Zeitvertreib Kants «Kritik der...
Als aber der Sprechchor der «Magdeburger Hexen» zum dritten, gefühlt dreißigsten Mal erschienen war, da erhoben sich im Zuschauerraum bei dieser sonntäglichen Zweitaufführung wie schon bei der Premiere lautstarke Buh-Rufe. Und das für Laienspielerinnen, die gerade eigene Gewalterfahrungen bekundeten (verprügelt von den Eltern, vergewaltigt im Schülerlager, sexuell...
