Deftig, dirty und gedopt
Wer sich dem neuen ungarischen Nationaltheater am Pester Donau-Ufer nähert, tritt durch einen frei aus der grünen Parkplatzwiese ragenden Portikus, um den sich ein faltenwurfreicher Betonvorhang plustert. Auf einem gepflegten Pfad geht es vorbei an Figuren, die auf Bänken angeregt plauderten, bestünden sie nicht aus Bronze. Vor dem Theater schließlich mit seiner wuchtigen Spiegelglasfassade, prallen Marmorsäulen und allerlei Statuettenkram wölbt sich ein Brücklein über flaches Gewässer, in dem, befeuert von drei ewig brennenden Fackeln, ein gipserner Tempelfries versinkt.
Ein stimmiges Untergangsbild. Denn das überaus kostspielige, bühnentechnisch rekordverdächtige und mit kuriosem Kunstnippes aufgebrezelte Gebäude kostete die Architektin Mária Siklós nachträglich den Platz in der ungarischen Architektenkammer. Der gewagte Repräsentationsbau auf dem Areal des künftigen «Millenium City Center» lässt auch viele Budapester Theaterleute die Augen verdrehen. Allzu trefflich spiegelt er den akuten Geschmacksausfall einer Transit-Gesellschaft, die sich nach der Wende neu zu erfinden versucht und dabei mitunter hektisch daneben greift (man denke nur an das Berliner Kanzleramt).
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