Deftig, dirty und gedopt
Wer sich dem neuen ungarischen Nationaltheater am Pester Donau-Ufer nähert, tritt durch einen frei aus der grünen Parkplatzwiese ragenden Portikus, um den sich ein faltenwurfreicher Betonvorhang plustert. Auf einem gepflegten Pfad geht es vorbei an Figuren, die auf Bänken angeregt plauderten, bestünden sie nicht aus Bronze. Vor dem Theater schließlich mit seiner wuchtigen Spiegelglasfassade, prallen Marmorsäulen und allerlei Statuettenkram wölbt sich ein Brücklein über flaches Gewässer, in dem, befeuert von drei ewig brennenden Fackeln, ein gipserner Tempelfries versinkt.
Ein stimmiges Untergangsbild. Denn das überaus kostspielige, bühnentechnisch rekordverdächtige und mit kuriosem Kunstnippes aufgebrezelte Gebäude kostete die Architektin Mária Siklós nachträglich den Platz in der ungarischen Architektenkammer. Der gewagte Repräsentationsbau auf dem Areal des künftigen «Millenium City Center» lässt auch viele Budapester Theaterleute die Augen verdrehen. Allzu trefflich spiegelt er den akuten Geschmacksausfall einer Transit-Gesellschaft, die sich nach der Wende neu zu erfinden versucht und dabei mitunter hektisch daneben greift (man denke nur an das Berliner Kanzleramt).
Das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Auf die (nicht nur) russische Frage «Was tun?» gab’s zwei berühmte aktivistische Antworten: Tschernyschewski beantwortete 1863 die Frage mit der sozialrevolutionären Parole, Lenin 1902 damit, dass es eine marxistische Kader-Partei brauche, um die Verhältnisse umzuwälzen. Und Stalin warf erst gar nicht mehr die Frage auf, sondern handelte staatsterroristisch.
Am...
In seinem mittlerweile legendären Aufsatz «Art and Objecthood» von 1967 stellt der Kunstkritiker Michael Fried dem Minimalismus eines Robert Morris oder Donald Judd ein vernichtendes Zeugnis aus. Sie verrieten, so Fried, nicht nur die Malerei und Skulptur, sondern die Kunst überhaupt ans Theater. Ihre Objekte suchten nach Bühnenpräsenz. Statt erfüllter Gegenwart...
Auch wenn es für derartige Prognosen vielleicht noch etwas früh ist, Sarah Kanes schmales Werk dürfte aller Voraussicht nach zu dem Wenigen gehören, was von der Dramatik der neunziger Jahre bleiben wird – eine Entwicklung, die es mit sich bringt, dass die fünf Stücke, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung wie explosives Gefahrengut in der schmuddelbunten Welle der...
