Das wilde Tier in Euch

Auch Deutschland muss sich noch weiter dekolonisieren – und lernen, den Ländern der vermeintlichen Peripherie mehr Gehör zu schenken

Theater heute - Logo

Wenn ich mit Kollegen aus der «Kunstblase» in verschiedenen Ländern darüber spreche, wie lange die Emanzipation der Ukrainer vom imperialen Einfluss Russlands dauert, treffe ich seltener auf Ablehnung oder Unverständnis als auf eine unaussprechliche Schwere und Trauer. Eine unsagbare geistige Trägheit.

Heißt das, dass man alles neu lernen muss, das Brillenglas austauschen? Dass man für eine gewisse Zeit wieder zum Anfänger wird, dies akzeptiert und offen zugibt, wenn man etwas nicht weiß? Ich erinnere mich noch gut an meine Angst, als ich vor zehn Jahren als externe Studentin sehr schnell lernen musste, in meinem Kopf Platz zu schaffen für Unmengen neuer Informationen, die es zu verarbeiten galt. Erinnere mich, wie es ist, mit einer Magister- und Doktorarbeit in Kunstgeschichte den giftigen Stachel der Russifizierung schmerzhaft zu spüren, sein gesamtes bisheriges Wissen wieder aus sich herauszuprügeln und praktisch intellektuell nackt zurückzubleiben. Mechanismen und Methoden zu kennen, aber ohne Fakten, ohne passendes Brillenglas.

Das Gefühl ist sehr unangenehm. Noch gestern warst du Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftlerin, Kuratorin, Dirigent, Autor, Historiker, einer der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Streitstoffe, Seite 76
von Olena Apchel

Weitere Beiträge
Mütterlieben

Wenn eine schwanger ist, ist die ganze Mehrheit involviert …», das wird Zartie schlagartig bewusst, als eine einbeinige Taube sie in letzter Sekunde mittels eines Sturzflugs davon abhält, in ein für eine Schwangere natürlich ungenießbares Lachsbrötchen zu beißen. Und schon sind wir mittendrin im Thema.

Was bedeutet Muttersein? Was macht einen Menschen dazu? Wer ist...

Elf plus eins

Dieser Bilderstrom ist eine permanente Überwältigung, ein irrer Sog, ein Labyrinth, in dem man sich verlieren kann. Dynamisch und in hohem Tempo ergießt er sich in der Romanadaption «RCE» am Berliner Ensemble auf Daniel Roskamps Bühnenkonstruktion. Wie mit Buntstift schraffierte Farbnetze auf schwarzem Grund zum Auftakt, sich in verschiedenen Graustufen...

Unsichtbarkeit und Superpower

Um sich eine Menge Ärgernisse zu ersparen, nutze ich diese Textfläche im schönen Theaterheute-Jahrbuch, um meine Erfahrungen zum Thema schwanger sein als Schauspielerin zu teilen. Denn: Sichtbarkeit ist eine Währung, die höher ist als die nächste NV-Bühne-Gagen-Erhöhung.

«Oh du bist schwanger, das ist aber toll. Herzlichen Glückwunsch! Ohhh, du spielst aber gerade...