Das wilde Tier in Euch
Wenn ich mit Kollegen aus der «Kunstblase» in verschiedenen Ländern darüber spreche, wie lange die Emanzipation der Ukrainer vom imperialen Einfluss Russlands dauert, treffe ich seltener auf Ablehnung oder Unverständnis als auf eine unaussprechliche Schwere und Trauer. Eine unsagbare geistige Trägheit.
Heißt das, dass man alles neu lernen muss, das Brillenglas austauschen? Dass man für eine gewisse Zeit wieder zum Anfänger wird, dies akzeptiert und offen zugibt, wenn man etwas nicht weiß? Ich erinnere mich noch gut an meine Angst, als ich vor zehn Jahren als externe Studentin sehr schnell lernen musste, in meinem Kopf Platz zu schaffen für Unmengen neuer Informationen, die es zu verarbeiten galt. Erinnere mich, wie es ist, mit einer Magister- und Doktorarbeit in Kunstgeschichte den giftigen Stachel der Russifizierung schmerzhaft zu spüren, sein gesamtes bisheriges Wissen wieder aus sich herauszuprügeln und praktisch intellektuell nackt zurückzubleiben. Mechanismen und Methoden zu kennen, aber ohne Fakten, ohne passendes Brillenglas.
Das Gefühl ist sehr unangenehm. Noch gestern warst du Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftlerin, Kuratorin, Dirigent, Autor, Historiker, einer der ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Streitstoffe, Seite 76
von Olena Apchel
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Dieser Bilderstrom ist eine permanente Überwältigung, ein irrer Sog, ein Labyrinth, in dem man sich verlieren kann. Dynamisch und in hohem Tempo ergießt er sich in der Romanadaption «RCE» am Berliner Ensemble auf Daniel Roskamps Bühnenkonstruktion. Wie mit Buntstift schraffierte Farbnetze auf schwarzem Grund zum Auftakt, sich in verschiedenen Graustufen...
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