Das Käthchen und sein Double

Heinrich von Kleist «Käthchen von Heilbronn»

Theater heute - Logo

Eigentlich ist sie eine Penthesilea, Jana Schulz, diese merkwürdigste Schauspielerin im wenig merkwürdigen Schirmer-Ensemble, so bockig, unkokett und unbeirrbar. Doch jetzt spielt sie das Käthchen, das Kleist einmal die in der Hingabe ebenso starke Kehrseite der Amazonenkönigin genannt hat, und das ist Roger Vontobels Glück, lässt ihre sperrige Präsenz doch momentelang vergessen, wie verwirrt Vontobels Inszenierung des Kleistschen Ritterspektakels auf Hamburgs größter Bühne geraten ist.



Vontobel und seine Ausstatterin Heide Kastler hüllen Jana Schulz von Anbeginn in Schmutz und Fetzen; das honette Bürgerkind, des Waffenschmieds Theobald Tochter, aus dem erst ein Traum die Stalkerin des Grafen Wetter von Strahl macht, ist nicht einmal zu ahnen. Beim Femegericht, das hier im Publikum verteilte Choristen verkörpern, kauert sie am Boden, ein Bein geschient, zerfetzt die Unter­wäsche, eine von Leidenschaft Versehrte und ganz bestimmt keine Partie für den deutlich älteren Grafen (Guntram Brattia) im weißen Gigolo-Anzug mit Rose im Knopfloch und viriler Halbglatze, ein unsicherer Performer unter Mamas (Irene Kugler) Knute. Dass der alt geworden Junge sich lieber mit der adretten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2009
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Barbara Burckhardt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ketterauchen vor Rheinkulisse

Im Juni 1954 hatte das (einzige) deutsche Fernsehen etwa so viele Teilnehmer, wie heute das Forum Freies Theater Düsseldorf Personen in seinem Verteiler hat. Das änderte sich mit dem 4. Juli 1954, als die deutsche Nationalelf im Finale der Fußball-WM stand: Die «schwer begreifliche Zauberwelt des Fernsehens» verließ die Experimentierphase und begann, sich zum...

Cool

Früher war alles ganz anders». Früher gab es Fußball, Küsse von Mädchen, Apfel­bäume. Mittlerweile «ist der Wurm drin», ein Cyberworm vermutlich. In «Hikikomori» frisst er sich in Lichtgeschwindigkeit durch die verwanzten Matratzen, die klapperigen Computertastaturen, durch das fiebrige Hirn des Ein­gekapselten H., mitten ins Herz dieser ultimativen Slacker-Show...

Wie im Moment erlebt

Was für ein Projekt! Eigentlich wäre es bereits ein wahnwitziges Unterfangen, zwei Filme und einen Roman von Pier Paolo Pasolini als Theaterabende zu inszenieren. Aber diese Herausforderung reicht dem italienischen Regis­seur Nanni Garella keineswegs. Er arbeitet mit einem Schauspielerensemble von professionellen Darstellern und psychisch Kranken. Also unter extrem...