Das Ich hat die Vollmacht
Endlich mal kein Abend nach Maß, sondern mit Übermaß! Im Saal dröhnen die Unmutsäußerungen: «Das ist doch kein Theater!» Zwei Drittel des Publikums verlassen die Aufführung vor der Zeit. Und das am eigentlich durch Experimentaltheater gestählten HAU2 des Hebbel-am-Ufer in Berlin!
Was war das für ein Auftakt für das 3. Nordwind-Festival: Die Ibsen-Travestie «Ein Puppenheim» vom deutsch-norwegischen Künstlerduo Ida Müller und Vegard Vinge ist ein Findling von einem Theaterabend, erratisch und befremdlich.
In einer bunten Comicwohnung verabschiedet sich das bürgerliche Identitätsdrama in Richtung Computersimulation. Die komplett aus Papier und Kartons zusammengesetzte Breitwandbühne erinnert an digitale Zweitwelten wie «Sims» oder «Papermint». Mutter, Vater, Kinder, die wir hier bei alltäglichen Verrichtungen beobachten (Pinkeln, Onanieren, Fernsehen), sind keine Charaktere, sondern Avatare (Spielfiguren), die vom Steuerpult aus beseelt scheinen.
Schnurrende Automaten
In Zeitlupe schleichen sie umher, mit grotesken Fratzen maskiert, von Sounds untermalt. Manchmal bleiben sie in einer Geste hängen oder laufen wiederholt gegen eine vermeintlich offene Tür, so als sei diese Welt ...
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Warum immer nur bärtige Kerle mit starkem Nahost-Akzent verdächtigen? Im Theater ist schließlich alles möglich. Die Schrifstellerin Juli Zeh hat deshalb «Der Kaktus» geschrieben, ein Stück, in dem der Titelheld in einem Schwanheimer Blumenfachhandel gestellt wird. Bettina Bruinier inszeniert am Münchner Volkstheater – ein einsamer Polizistenspaß inmitten von lauter...
Es ist schon ein Kreuz mit dem Neuen Menschen. Er will und will sich nicht gelingen. Da hat sich wenig geändert, seit Tschechow 1880 mit Zwanzig sein wildes Erstlingsdrama ohne Namen für die Schublade zwar, aber auch als komplette Stoffsammlung für alle folgenden verfasste. Dennoch hat die verlotterte «Platonow»-Gesellschaft – abgesehen davon, dass alle auf Pump...
Man stelle sich ein Stück vor mit etwa einem halben Dutzend Antje Vollmers: alles herzensgute Menschen, die mit eiserner Unbedingtheit ein Leben lang das Allerbeste wollen und doch nur als Talkshowgäste enden.
So ähnlich muss man sich die generationenübergreifende Patchwork-Familie denken, die Darja Stocker in «Zornig geboren» zusammenruft. Sophie, angehende...
