Das Drama von Fortschritt und Wohlstand

Thomas Köcks «forecast : ödipus» präsentiert der Wachstumswirtschaft im Stuttgarter Schauspielhaus die Bilanz, und Nicoleta Esinencus «Playing on Nerves» rechnet mit dem Westen ab

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Wir sind die Krankheit», röchelt die sterbende Priesterin gleich in der ersten Szene, nachdem sie vor Ödipus endgültig zusammengebrochen ist – und hat damit schon fast das ganze Stück verraten. Nur dass man/frau es zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch nicht verstanden hat.

Sophokles’ «Ödipus» hat zu Pandemiezeiten ungewöhnliche Spielplan-Konjunktur erlebt.

Wirklich aus der Zeit gefallen war der Mythos zwar nie, aber eine Pest, die das Land heimsucht, eine ratlose Regierung, die nicht weiß, was tun, und diverse dunkle Seher-Sprüche, die ein frühes Verbrechen aufdecken, waren zu Corona-(Leugner-)Zeiten Wasser auf die Regiemühlen der Stadttheater. Thomas Köck, der Mythen allerdings grundsätzlich misstraut, weil er hinter ihren traditionsbetonierenden Weisheiten üble Herrschaftsmechanismen vermutet, hat anderes im Sinn. «forecast : ödipus» blickt eher in die Zukunft, und der jambisch leicht anrhythmisierte Wetterbericht verheißt nichts Gutes: «living on a damaged planet», so der Untertitel. (Der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei.)

Um das antike Drama gleich eingangs aus den geölten Angeln zu heben, kommt zum üblichen Personal noch Pythia hinzu, die Orakelverkünderin ...

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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille

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