Biografien basteln

Marianna Salzmann «Hurenkinder Schusterjungen» (U)

Theater heute - Logo

Sie liebt Figurentriaden und hat nach «Muttersprache Mameloschn» (Großmutter, Mutter, Toch­ter), «Muttermale Fenster blau» (Großvater, Mutter, Sohn) und «Schwimmen lernen» (Ehemann, Ehefrau, Geliebte der Gattin) nun ein viertes dreiblättriges Kleeblatt in einem Stück zusammengeführt.

In «Hurenkinder Schusterjungen» treffen eine Frau und zwei Männer aufeinander. Tschech, Typ Althippie, hat etwas mehr vom Leben gesehen als die beiden anderen. Ali und Buchs zählen zu jenen Exemplaren der Generation Y, die unentschlossen zwischen allen Stühlen sitzen.

Buchs macht irgendwas mit Fotografie, Ali bedient im Speisewagen des ICE. Geht es ihr schlecht, verkriecht sie sich schon mal in der Gepäckablage. Embryonalstellung. Jetzt will sie zusammen mit Buchs von Tschech eine Wohnung mieten. In welchem Verhältnis die beiden stehen, ist nicht so ganz klar, da Ali sowohl mit ihrem Mitbewohner als auch dem Vermieter in der Kiste landet.

Drei einsame Wesen treffen sich in unübersichtlichen Zeiten: Hurenkinder und Schusterjungen eben, oder versprengte Wörter und Satzteile, die beim Zeitungs- oder Magazinumbruch die Ästhetik des Satzspiegels stören. Hätte Marianna Salzmann sich darauf beschränkt, das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik: NT Mannheim, Seite 58
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Von melancholisch nach aufgekratzt

Es war einmal eine Zeit, in der es keine Überwachungskameras an Tankstellen, keine Daten sammelnden Bordcomputer und keine Dashcams in Autos gab. Ein Mann begeht Fahrerflucht, eine junge Frau stirbt, ein Tankwart schweigt. Und außer dem Zuhörer wird keiner je die volle Wahrheit erfahren. Und es ist eine Zeit, in der Gier die Menschen zum Morden bringen. Wo der...

Nachts schlägt die Liebe ein

Nur dort, wo männliche Lebenserwartung wegen exzessiven Alkohol-Konsums laut WHO knapp über 60 Jahre beträgt, kann man wohl auf den mystischen und zugleich fast kalauerhaften Gedanken kommen, ein Betrunkener sei ein ge­eignetes Gefäß göttlicher Erkenntnis. Der Russe Iwan Wyrypajew, Jahrgang 1974, geboren im sibirischen Irkutsk, operiert seit rund zehn Jahren mit...

Geschichte als Familienaufstellung

Gartenzwerge sind seit dem Barock belegt, spätestens ab 1900 wurden die Wichtel industriell gefertigt und gelten seither als Inbegriff des Spießbürgertums. Entsprechend ist es mehr Symbolik als historische Realität, dass der Kriegsheimkehrer Erich Freytag (Alexander Svoboda) sich in Oskar Roehlers autobiografischem Roman «Herkunft» seinen Teil des...