Geschichte als Familienaufstellung
Gartenzwerge sind seit dem Barock belegt, spätestens ab 1900 wurden die Wichtel industriell gefertigt und gelten seither als Inbegriff des Spießbürgertums.
Entsprechend ist es mehr Symbolik als historische Realität, dass der Kriegsheimkehrer Erich Freytag (Alexander Svoboda) sich in Oskar Roehlers autobiografischem Roman «Herkunft» seinen Teil des Wirtschaftswunderkuchens mit einer Gartenzwergfabrikation erarbeitet und so der Fünfziger-Jahre-Bundesrepublik ihr ästhetisches Signet verpasst – der Spießbürger kämpft sich aus tiefster Demütigung zu einem gewissen Wohlstand, und zwar mittels Figürchen, die zum Preis der Unterordnung eine heile Welt versprechen. Heil wird bei Freytag allerdings nichts: Seine Frau (Susanne Schrader) verleugnet ihre Homosexualität, Sohn Rolf (böse: Claudius Franz) zeigt keinerlei Talent fürs Gartenzwerggewerbe und sucht stattdessen Anschluss zu Literaturbetrieb und umstürzlerischer Gewalt. Außerdem zeugt er mit der revolutionspathetischen Großbürgertochter Nora (Lisa Guth) einen Sohn, Robert (ein trauriger Gartenzwerg: Matthieu Svetchine). Und der wächst fortan zwischen Drogen- und Sexexzessen lieb- und vor allem elternlos auf.
Die Nazivergangenheit der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik Bremen Theater, Seite 55
von Falk Schreiber
Stefanie Carp Mark, du hast 21 Jahre, von 1983 bis 2004, das Präsentationshaus PS122 geleitet und dann Under The Radar gegründet. Warum?
Mark Russell Es gab eine neue Künstlergeneration im Bereich der Performing Arts, die in ganz neuen Formen und Formaten arbeitete. Ich wollte diesen neuen Künstlern eine amerikanische Plattform geben. Als ich im PS122 aufhörte,...
Franz Wille Wie wollen wir arbeiten? – Was für eine dumme Frage. Wir wollen alle selbstbestimmt arbeiten, nicht entfremdet arbeiten; wir wollen Zeit haben, um uns interessante Produktionen auszudenken; wir wollen auf die Proben gehen können; neue Formate entwickeln. Wie wir arbeiten wollen, wissen wir alle, nur leider haben sich Wunschbild und Realität im deutschen...
An einem Januarmorgen streben erstaunlich viele Menschen über die wenig befahrene Lafayette Street zum Public Theatre. In der Mitte des überfüllten Foyers stehen Mark Russell, künstlerischer Direktor des Festivals «Under The Radar», und Meiyin Wang, seine Ko-Direktorin. Mit der nordamerikanischen Mischung aus Enthusiasmus und Pragmatik werden hundert Produzenten...
