Bewegungen in Kopf und Darm

Roman-Verdauung oder «Rübenrauschtheater»? Wie aus großen Prosa-Texten Theaterabende werden: Thomas Manns «Buddenbrooks» und «Zauberberg» in Frankfurt und Berlin, Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» in Braunschweig und Andreas Kriegenburgs Kafka-Abend «Der Prozess» an den Münchner Kammerspielen

Der Weltreisende ist ungnädig mit den Künsten. Im Theater habe er sich stets gelangweilt, teilt er dem Mathematikgenie mit. Ganz richtig, ruft Gauß, und Humboldt mäkelt weiter. Jetzt über Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.

Wir befinden uns auf Seite 221 und damit im letzten Drittel von Daniel Kehlmanns Roman «Die Vermessung der Welt», der größte deutsche Bestseller seit Jahrzehnten, 1.400.000-mal verkauft, übersetzt in 42 Sprachen.

Die fiktive Begegnung des pedantischen Abenteurers mit dem misanthropischen Erfinder der Normalverteilung ist eine Schule des Konjunktivs. Nicht ein Anführungszeichen bremst den dahinströmenden Fluss der Sätze in Kehlmanns klugem Lügenmärchen – im Buch jedenfalls, dass so seine Personen in (selbst-)ironischer Distanz unter die Lupe legt. Doch jetzt sind die großen Deutschen im Theater gelandet, ohne den nörgeligen Theatersatz und ungebremst im Indikativ. Denn dafür scheint das Theater manchem Romandramatisierer vor allem da zu sein: fürs Direkte, eine Abkürzung. 

Schon Kehlmanns Roman ist ja so etwas wie ein Digest, der in gut verdauter und verdaulicher Form sehr lange ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2008
Rubrik: Dramatische Prosa, Seite 4
von Barbara Burckhardt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Situationen des Politischen

Franz Wille Herr Hofmann, Sie kuratieren das renommierte Festival «Politik im Freien Theater», das im November in Köln stattfindet. Das fordert zwei Fragen heraus: Was ist Freies Theater, und was ist politisches Theater?

Rainer Hofmann Das versuchen wir herauszu-finden. Von den vier Worten «Politik im Freien Theater» weiß ich nur, was «im» heißt. Zu allem anderen...

Lange Tage an der Wall Street

Vielleicht zur Abwechslung mal wieder ein gutes Buch lesen? Oder ein Abend im Theater?

Neustart in der Gartenlaube

Aus dem «urschleim» sei «doch immer was geworden», stellt Stamm fest, «vielleicht nich immer wunschprogramm alter, aber immer irgendwas […] n fleck leben im brustkorb». Die Sätze, die Dirk Laucke in «wir sind immer oben» denjenigen in den Mund legt, an denen der Wohlstand vorbeigezogen ist, sind so lebendig, dass sie zu atmen scheinen. Lauckes Sprache ist...