Christian Kuchenbuch und Kathrin Wehlisch; Foto: Julian Röder
Berlin: Vorsicht, Zahnarzt
Wer immer schon den Verdacht hatte, dass der späte, knurrig-apokalyptische Heiner Müller eigentlich wie ein Whisky-gegerbter Privatdetektiv aus der Schwarzen Serie klingt, darf sich endlich bestätigt fühlen. In Alexander Eisenachs «Die Entführung Europas» dient die Genre-Folie des Crime Noir und eine dürre Rahmenhandlung um eine verschwundene Schöne vor allem zur Aneinanderreihung von Zitaten aus Müllers tragischer Geschichtsphilosophie, angereichert um Joseph Conrads «Herz der Finsternis» und Walter Benjamins «Engel der Geschichte».
Ein finsterer Zahnarzt und Chef eines kriminellen Syndikats, das heimlich den Kongo ausbeutet, hat seine attraktive Gattin Europa verschwinden lassen, deren humanistisches Lächeln seine Geschäfte aufgehübscht hatte, dabei aber irgendwann zu viel von seinen kapitalistischen Schweinereien wusste. Ihre Schwester Grace beauftragt deshalb ihre erloschene Flamme, den Privatschnüffler Max Messer (ein frühes Heiner-Müller-Pseudonym!), nach ihr zu suchen. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass Messer wegen Auftragsflaute dazu übergegangen ist, selbst Krimis zu schreiben und ständig seine Verlegerin Margaret als lautstarkes politisches Gewissen im Schlepptau ...
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Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Franz Wille
Ende letzten Jahres begab es sich, dass der Spaßmacher Mario Barth für sein RTL-Reporterimitat «Mario Barth deckt auf» die Oper Hannover besuchte. Gerüstet mit fragwürdigen Fakten und schütterem Stammtischwitz wollte er des Steuerzahlers Herzen bis zum Bluthochdruck höherschlagen lassen: Was diese elenden Kulturelitären alles verprassen, von den sauren...
Das Video endet. Räuspern. Niemand sagt etwas. Auf dem Boden ächzt ein alter Plastikventilator, draußen steht die Luft, nicht ein Palmblatt bewegt sich im Wind. Der junge Mann mit dem krausen Haar, der in der hintersten Reihe des Halbkreises auf dem Boden hockt und sich auch sonst gerne als Erster zu Wort meldet, kratzt sich am Kopf. Er ist groß genug, um die...
Gründungsmythen sind Überlebenskitt. Zumal für eine Theaterfamilie, die jahrelang ein Stadtnomadendasein führt, die unermüdlich Nachkommen heranzieht, Nestflüchtlinge ziehen lässt, und deren Energie sich aus der jugendlichen Rebellion gegen alles Institutionelle speist. Der Gründungsmythos des Jungen Theaters Basel ist festgehalten auf einem Schwarzweißbild mit...
