Berlin: Verblichen zu Lebzeiten
Am Anfang steht ein Schlussbild: Auf der tiefschwarzen Drehbühne kreiselt gegen den Uhrzeigersinn das Haus der drei Generalstöchter herein, bleibt mit dem offenen Innenraum zum Publikum stehen, kippt dann schwer nach rechts, worauf ein blasser Tusenbach mit Schusswunde in der Schläfe krachend durch die Tür hereinfliegt. Er hält den alten Brummkreisel von Irinas 24. Geburtstag im Arm und gerät ansatzlos in einen kleinen Depressionsdialog mit ihrer 75-jährigen Darstellerin Angela Winkler über das Vergessen-Werden aller Zeitgenossen in 100 Jahren.
Das elegische Zwiegespräch kommt allerdings wie in einer Endlos-Schleife überlaut vom Band, und die zombiehaften Schauspieler bewegen dazu nur noch ungenau ihre Lippen. Mehr Endspiel geht nicht.
Damit hat Regisseurin Karin Henkel eigentlich schon alles gesagt zu ihren «Drei Schwestern»: der mäßig bewegte, absturzbedrohte Stillstand am immer selben Fleck, das Feststecken in einem nicht gelebten Leben aus Wiederholungsschleifen, die tiefe Existenzausweglosigkeit. Was folgt, ist eine knapp zweistündige, so beeindruckend konsequente wie erschreckend beinharte Exekution dieses Regiekonzepts.
Damit sich gar nicht erst atmosphärisch befeuerte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Franz Wille
Reduktion von Komplexität ist – wie der unvergessene Niklas Luhmann nicht müde wurde zu betonen – ein Überlebensmodus unserer Zeit mit der inhärenten Gefahr, durch unzulässige Vereinfachungen Kurzschlüsse zu produzieren. Auch ein Skizzenformat wie der Marstallplan, in dem das Residenztheater seit ein paar Jahren kurz geprobte, aber anspruchsvoll kuratierte...
Russland lebt nicht nur für sich selbst, sondern für einen Gedanken, und du musst die bemerkenswerte Tatsache zugeben, dass Russland nun beinahe seit einem Jahrhundert nicht nur für sich lebt, sondern ausschließlich für Europa», reibt Werssilow alias Peter Miklusz seiner Geliebten, der extrem russisch aussehenden Gaunerin Alphonsine, unter die Nase. Der verarmte...
Die US-amerikanische Dramatik ist belagert vom Produktionsdruck der Theater. Theater in den USA sind Privatunternehmen, keine öffentlichen Institutionen, und öffentliche Förderung gibt es nicht, so dass sie ausschließlich auf Einnahmen und Spenden angewiesen sind. Das führt zu dauerhaft prekären Arbeitsbedingungen wie Probenzeiten von lediglich drei Wochen,...
