Berlin: Verblichen zu Lebzeiten
Am Anfang steht ein Schlussbild: Auf der tiefschwarzen Drehbühne kreiselt gegen den Uhrzeigersinn das Haus der drei Generalstöchter herein, bleibt mit dem offenen Innenraum zum Publikum stehen, kippt dann schwer nach rechts, worauf ein blasser Tusenbach mit Schusswunde in der Schläfe krachend durch die Tür hereinfliegt. Er hält den alten Brummkreisel von Irinas 24. Geburtstag im Arm und gerät ansatzlos in einen kleinen Depressionsdialog mit ihrer 75-jährigen Darstellerin Angela Winkler über das Vergessen-Werden aller Zeitgenossen in 100 Jahren.
Das elegische Zwiegespräch kommt allerdings wie in einer Endlos-Schleife überlaut vom Band, und die zombiehaften Schauspieler bewegen dazu nur noch ungenau ihre Lippen. Mehr Endspiel geht nicht.
Damit hat Regisseurin Karin Henkel eigentlich schon alles gesagt zu ihren «Drei Schwestern»: der mäßig bewegte, absturzbedrohte Stillstand am immer selben Fleck, das Feststecken in einem nicht gelebten Leben aus Wiederholungsschleifen, die tiefe Existenzausweglosigkeit. Was folgt, ist eine knapp zweistündige, so beeindruckend konsequente wie erschreckend beinharte Exekution dieses Regiekonzepts.
Damit sich gar nicht erst atmosphärisch befeuerte ...
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Theater heute Januar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Franz Wille
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