Baut auf, baut ab

Elfriede Jelinek «Macht nichts»

Theater heute - Logo

«Die Gedanken werden besinnungslos», hat Elfriede Jelinek in einem Kommentar zu «Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes» geschrieben. Ein dazwischengerutschter Satz vielleicht, womöglich aber auch Teil der Jelinekschen Poetologie: Was sind ihre Sprachspiele und Metonymien anderes als ein Entwischen vor der Besinnung, ein fortwährendes Flüchten vor der Endgültigkeit? Andernfalls: Textende, Schweigen, Depression. «Es ist alles eins», lautet denn auch der tödlich frustrierte Ohnmachtsschluss in dieser Text-Selbsterklärung.

 

 

Tatsächlich handelt Jelineks 2002 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis prämierter Dreiteiler von der Verwischung der Täter-Opfer-Grenze im Angesicht des Todes. Er beginnt mit dem fiktiven Täterinnenmonolog der Nazi-verstrickten Burg- und Volksschauspielerin Paula Wessely, holt Luft im Dialog zwischen Schneewittchen und Jäger, die über das Gute, Wahre, Schöne philosophieren, und stürzt ab in den Monolog von Jelineks jüdischem Vater, der, um sich zu retten, dem Regime zu- und sich selbst in den Wahn gearbeitet hat. Und wie viele andere Jelinek-«Stücke» auch sind diese nach Schubertliedern benannten Textteile eine herausfordernde Zumutung für Schauspieler. 

 

Für ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Chronik, Seite 75
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lest Marx, bis euch der Kopf raucht!

Welchen unerhörten Frevel habe ich begangen, dass ich von Stefanie Carp als «wetternder» Eiferer «mit reichlich Schaum vor dem Mund» hingestellt werde? Ich habe in einem längeren Essay die Formen des aktuellen, modischen Marx-Hypes kritisiert. Ich habe darauf hingewiesen, dass er nur so schön glatt funktionieren kann wie das gegenwärtig der Fall ist, wenn die...

Zartfühlender Alpen-Sherlock

Als glotzäugiger Mädchenschlitzer Schrott mit den süßen «Igeln» hat Gert Fröbe 1958 für Generationen von Fernsehzuschauern den Prototyp des Mitschnackers verkörpert. Die Verfilmung eines Dürrenmatt-Drehbuchs unter dem Titel «Es geschah am hellichten Tag» bot mit Fröbe und seinem Gegenspieler Heinz Rühmann zwei einprägsame Modelle für kranke Zielstrebigkeit unter...

Mehr Liebe!

Wenn Anne Habermehl das Unglück der Welt beschwört, gibt es kein Entrinnen. In «Letztes Territorium» wurde eine schwäbische Kleinfamilie dem sozialen Druck der Urlaubsbekanntschaft mit einem afrikanischen Bootsflüchtling ausgesetzt – mit naturgemäß fatalen Folgen für beide Seiten. In «Daddy» ist die Kleinfamilie schon in verstreute Bestandteile zerlegt, bevor alles...