Baut auf, baut ab

Elfriede Jelinek «Macht nichts»

Theater heute - Logo

«Die Gedanken werden besinnungslos», hat Elfriede Jelinek in einem Kommentar zu «Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes» geschrieben. Ein dazwischengerutschter Satz vielleicht, womöglich aber auch Teil der Jelinekschen Poetologie: Was sind ihre Sprachspiele und Metonymien anderes als ein Entwischen vor der Besinnung, ein fortwährendes Flüchten vor der Endgültigkeit? Andernfalls: Textende, Schweigen, Depression. «Es ist alles eins», lautet denn auch der tödlich frustrierte Ohnmachtsschluss in dieser Text-Selbsterklärung.

 

 

Tatsächlich handelt Jelineks 2002 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis prämierter Dreiteiler von der Verwischung der Täter-Opfer-Grenze im Angesicht des Todes. Er beginnt mit dem fiktiven Täterinnenmonolog der Nazi-verstrickten Burg- und Volksschauspielerin Paula Wessely, holt Luft im Dialog zwischen Schneewittchen und Jäger, die über das Gute, Wahre, Schöne philosophieren, und stürzt ab in den Monolog von Jelineks jüdischem Vater, der, um sich zu retten, dem Regime zu- und sich selbst in den Wahn gearbeitet hat. Und wie viele andere Jelinek-«Stücke» auch sind diese nach Schubertliedern benannten Textteile eine herausfordernde Zumutung für Schauspieler. 

 

Für ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Chronik, Seite 75
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wenn der Postmann Kunst bringt

Das Signal zur Revolution klingt müde: Rechts an der Rampe dringt aus einem Stutzflügel ohne Pianisten langsam und monoton die Melodie José Afonsos «Grândola, Vila Morena», das in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 vom Radio übertragen so schwungvoll den Aufbruch zur Nelkenrevolution in Portugal gab. Hier schreibt man den 10. Juni 2009 im schweizerischen...

Ein deutscher Klassiker

Richard Herzinger hat sich durch die jüngste Marx-Renaissance als Abwehrkämpfer herausgefordert gefühlt und in seinem Essay «Marx oder Murx?» (TH 3/09) auf Widersprüche in den Analysen und Irrtümer in den Prognosen von Marx hingewiesen. 

Er jedenfalls sieht nicht den geringsten sachlichen Anlass für eine Marx-Renaissance, von der er annimmt, dass sie sich in...

Im Mausoleum der Gemütlichkeit

Ihren größten Trumpf spielten die Wiener Festwochen 2009 erst zum Schluss aus. Die letzte Produktion des Festivals war als erste ausverkauft gewesen und auch von Menschen mit Spannung erwartet worden, die nicht zum engeren Kreis der Theater­interessierten gehören. Wien fieberte der Weltpremiere einer «Othello»-Inszenierung von Peter Sellars entgegen. Warum, ist...