Babylonische Öfen

Theaterverbote in Seuchenzeiten sind nichts Neues. Auch die protestantische Geistlichkeit hielt in Epidemien Gottesdienste offen und Bühnen geschlossen – eine Geschichte der Ängste und der Vorbeugung im Medium der Unmittelbarkeit

Theater heute - Logo

Dem europäischen Theater ist die Sorge vor der Ansteckung mit Krankheiten bereits in der Antike vertraut. Miasmen und Pesthauch, später dann Bakterien und Viren sind die unsichtbaren Akteure der europäischen Theatergeschichte. Maßnahmen der Vorbeugung, der Prävention, aber auch die Angst vor der Ansteckung und dem Fremden haben den Ort des Theaters in der Gesellschaft ganz wesentlich bestimmt.

Der Begriff der Prävention (von praevenire = zuvorkommen) zielt dar­auf, ein bestimmtes unerwünschtes Ereignis oder einen unerwünschten Zustand zu verhindern oder die erwarteten negativen Effekte des Ereignisses oder des Zustands zu begrenzen. Schon der römische Architektur­theoretiker Vitruv wollte die Theaterbauten weit weg von Sümpfen und Feuchtgebieten angelegt wissen, da dort, nach damaligem medizinischen Verständnis, ansteckende Krankheiten ihren Ursprung nahmen. Gerade weil die Schauspiele «an den Festtagen der unsterblichen Götter» stattfanden, galt es, den Ort des Theaters mit vorausschauendem Geschick auszuwählen. Eine besondere Gefährdungssituation ergab sich für Vitruv dabei aus der besonderen Rezeptionshaltung des Publikums:

«Denn die Bürger werden, die ganze Zeit hindurch mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Essay, Seite 32
von Jan Lazardzig

Weitere Beiträge
Von Kriegsverlierern und Aufbauprofiteuren

Immer wieder wird darüber geklagt, dass zu viele Romane als Dramen auf die Bühnen kommen. Bitte sehr: Hier hätten wir endlich einmal den umgekehrten Fall! Christoph Nußbaumeder hat sich sein ohnehin schon voluminöses Stück «Eisenstein» (2010 uraufgeführt in Bochum) vorgenommen und daraus ein wuchtiges, knapp 700-seitiges Prosawerk gemacht. Aus einer Szenenfolge,...

Berlin Maxim Gorki Theater: Fragen über Fragen

Das Tal des Todesschattens, der über diesem Abend im Gorki Theater liegt, ist blendend weiß. Vier alarmbewehrte Stufen führen zum Spielfeld, das ein Vorfeld ist. Dahinter, versteckt hinter weißen Schnüren, liegt verschwommen eine Intensivstation, aus der Beatmungsgeräusche dringen (Bühne: Magda Willi). Wir sind im aero­solgesicherten Corona-Theater, und sein Hüter...

Mülheim/Ruhr Theater an der Ruhr: Ein leiser Populist

«und wenn die politik / durchs gesetz behindert wird / wenn fortschritt wenn / dem hausverstand durchs gesetz / die hände gebunden»?, sinniert Kreon einmal. «Hausverstand» ist laut Duden die österreichische Version des «gesunden Menschenverstands». Ob Haus- oder gesund, in jedem Fall ist dieser spezielle, meist eher eingeschränkte «Verstand» das zentrale Argument...