Ayleen Parolin «Irresistible Revolution»
Michail Bachtin beschreibt den Karneval als Ventil, als Zeit des geduldeten Tabubruchs, während der Regeln, Hierarchien, Normen kurzzeitig ausgesetzt und durch Gelächter, Groteske und Transgression ersetzt werden. In diesem Sinne ist Ayelen Parolins «Irresistible Revolution» ein Spiel mit Formen des argentinischen Karnevals, freilich ohne sich übertrieben tief in lateinamerikanischen Klischees zu verstricken. Anders gesagt: mehr Techno und Rave, weniger Samba.
Zu Beginn der Deutschlandpremiere beim «Internationalen Sommerfestival» in Hamburg ist von Grenzüberschreitung noch wenig zu sehen. Zögernd betreten die zwölf Tänzer*innen die Bühne im Produktionshaus Kampnagel, unsicher einander an den Händen haltend, sachte wippend, leise summend. Das ist keine Gruppe, das sind Individuen, die einen gemeinsamen Rhythmus zwar suchen aber nur punktuell finden. Das Kollektiv entsteht nicht durch Bewegungsfolgen, sondern indem die Protagonist*innen beginnen, ihre Individualität anzuerkennen, in der fröhlichen Hingabe ans Chaos, das Möglichkeiten zur expressiven Bewegung schafft.
Aus der anfänglichen Zurückhaltung wird bald Raumgreifendes, Aggressives, Wildes, aber immer in der eigenen ...
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Tanz Oktober 2026
Rubrik: Kalender, Seite 42
von Falk Schreiber
IDA GERHARDI
Keine Künstlerin hat das Berliner Kiezleben empathischer abgebildet als Käthe Kollwitz – eine Chronistin des Daseins unter den Vorzeichen von Wilhelminismus, Krieg und Aufstieg der Nazis. Umso wichtiger, dass es in Berlin ein Käthe-Kollwitz-Museum gibt, das nun einer ihrer Künstlerfreundinnen eine ganze Ausstellung widmet: «Und alles tanzte» beleuchtet...
Machen wir uns nichts vor: Die Stimmung in Berlin ist an vielen Orten rauschhafter als bei «Tanz im August». Das Festival baut keine sozialen Wohlfühlorte, im Zentrum stehen die künstlerischen Arbeiten, und aus ihnen heraus muss sich so etwas wie gemeinsame Atmosphäre herstellen. Dazwischen wird sie eben durch liebevolle Details erhalten: So bekommt man einen...
Das bestens erhaltene antike Theater diente während des diesjährigen Athener «Epidaurus-Festivals» als Spielstätte für Alan Lucien Øyens Neudeutung der Sophokles-Tragödie «Antigone», rund 10 000 Besucher*innen füllten an zwei Abenden die Zuschauertribüne. Dank der legendären Akustik des Theaters konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören – so entstand...
